Retro X: Das Moor des Grauens

Es kam also der Tag, an dem ich wieder vom Spielleiten zum Spielen wechseln sollte.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, was für einen Charakter ich dazu gebastelt habe, zumal der ohnehin Stufe 2 niemals überschritt, aber der Reihe nach.

Der Coolness-Spieler hatte sich also redlich Mühe gegeben. Er hatte sich in den letzten Monaten ohnehin alle DSA-Kästen zusammen gekauft und entsprechend genug Futter. Da ging es mehr um’s Sammeln als um’s Lesen, aber ich hatte ja zugesagt, regeltechnisch jederzeit gern in die Bresche zu springen, kein Problem. Entsprechend bereitete er sich mehr auf die Geschichte selbst vor. Es ging ja um was! Es ging vor allem darum, mich vom “Thron” zu schubsen und mir mal zu zeigen, dass andere genauso gut bzw. um Längen besser “meistern” können als ich. Unterschiedliche AP-Vergabe? Pfff, am Arsch! (auch wenn man das damals so noch gar nicht formulierte)

Auch er hatte sich eifrig durch Internet-Abenteuer gewuselt (dürfte Ende 1998 gewesen sein), bis er dann schließlich etwas entdeckt hatte, das a) mir unbekannt war und b) er ausreichend cool fand. Und los ging’s!

Natürlich lernten wir uns alle erst einmal kurz klassisch in einer Taverne kennen, also die anderen Charaktere den meinen und umgekehrt, damit wir uns dann zusammen auf den Weg in irgendeine Stadt machen konnten. Auf diesem Weg mussten wir durch einen großen Wald. Gesagt, getan.

Dieser Wald war nun irgendwie düster und bedrohlich, die von uns bewanderte Straße hingegen breit, zivilisiert und das alles recht gut ausgeleuchtet. Macht ja nix. Es sollte also ein düsterer Wald sein – also wanderten wir hinein und stellten uns ungeachtet der Wege und der Ausleuchtung einen düsteren Wald vor, jeder für sich.

Es dauerte nicht lang, bis uns ein Rabe auffiel, der uns zu folgen oder zu begleiten schien. Rechts und links von uns war der Boden mittlerweile moorig, auch wenn das den Wald nicht störte. Schon allein wegen der Sichtverhältnisse, die eher schlecht sein sollten abseits der Straße, war ein im Moor stehender Wald einfach irgendwie sinnvoll, so wurde entschieden. Okay, also der Rabe ließ sich irgendwann auf einem Pflock ein Stückchen hinter dem Weg selbst nieder. Und von dort aus sprach er uns an und erzählte uns irgendwas.

Neugierig verließen wir also prompt den Weg und gingen hin zu diesem Pflock, um aus diesem Monolog einen Dialog zu machen und zu schauen, welches Abenteuer sich denn nun wohl hinter dem sprechenden Raben verberge.
“Hallo Rabe, wer bist denn du und wieso kannst du mit uns sprechen?”
“Äh … also der Rabe versinkt vor euren Augen im Moor.”
“???”

Kurz nachgefragt, aber ja, das hatte so schon seine Richtigkeit. Der Rabe gebe keine Antwort und mitsamt Pflock versinke er stillschweigend und in sein Schicksal ergeben im Moor. Joa, düsterer Wald, spooky und so …

Alles klar. Willig kehrten wir auf den Weg zurück und setzten unsere Reise fort, bis plötzlich wie aus dem Nichts – war ja überall dichter Wald – ein Haus einige Meter abseits des Weges auftauchte. Ein Haus, in diesem Wald, in dieser Einsamkeit? Gut, also stapften wir gleich mal dorthin und riefen von außen “Ist da jemand? Wir sind Reisende!” und einiges mehr. Keine Reaktion.

Wir dachten nach. Vielleicht, nach dem Aussehen zu urteilen, war dies einfach nur ein leerstehendes Haus. Vielleicht hatte sich aber dort auch eine Räuberbande häuslich niedergelassen? Oder noch anders: Vielleicht war drinnen jemand verletzt und brauchte unsere Hilfe? Nach einigem Hin und Her trat der Meuchelmörder-Charakter in Aktion:

“Also ich geh da jetzt mal hin und schau durch die Fenster und so. Vielleicht sieht man ja dann schon, was los ist.”
Seriöses Nicken des Meisters.
“Gut, du gehst also ein paar Schritte auf das Haus zu, doch bevor du es erreichst, versinkt es vor deinen Augen im Moor.”
“???”

Haha, ja, das klinge vielleicht komisch, was? Ja, das sei schon richtig so, keine Sorge, das habe schon so seine Berechtigung.

Nun waren wir wirklich alarmiert. Dieser Wald war sowas von verflucht oder noch Schlimmeres! Mit offenen Augen und deutlich vorsichtiger und weniger fröhlich als noch zuvor setzten wir unseren Weg fort.

Ich mache es kurz: Es tauchten noch ein paar Leute, Tiere, Gebäude, weißnichtmehr auf, doch bevor wir in die Interaktion übergehen konnten, versank jemand oder etwas spontan und unwiderruflich im Moor.

Die Stimmung am Tisch WAR gruselig. Sie war es, weil uns Spielern das alles sehr, sehr unangenehm war. Wir wollten wirklich alle ohne Ausnahme mitspielen, wollten keine blöden Aktionen bringen, wollten den neuen Meister des Spiels wirklich unterstützen, aber uns gingen die Ideen aus. Was auch immer das sollte: Es war nicht lösbar, nicht logisch, nicht cool … und überhaupt.

Die Momente betretenen Schweigens und der Ratlosigkeit auf Spielerseite wurden länger, irgendwann war es der Meister, der meinte:
“Ach, wisst ihr was, Leute: Sollen wir hier mal abbrechen? Ich glaube, das wird nichts, oder?”
Dankbar stimmten wir dem Vorschlag zu.

Es stellte sich heraus, dass der Rabe wohl im Abenteuer beschrieben war, aber absolut keine Relevanz hatte außer der, Stimmung zu erzeugen. Wenn ich mich recht erinnere, sprach er in der Vorlage auch nicht. Aber der Meister fand es eben cool, ihn auch sprechen zu lassen und hat ihm soviel Raum gegeben, dass wir darauf angesprungen sind. Dummerweise wusste er nicht, wie er darauf reagieren sollte, also ließ er den Raben schlichtweg verschwinden. Mit dem Haus war es ganz ähnlich. Das war, meine ich, eine Eigenerfindung, weil er es einfach besser fand, wenn es am Wegesrand auch etwas gab, doch dass wir uns das näher ansehen wollen würden, damit hatte er nicht gerechnet. Und was mit dem Raben gut funktioniert hatte, sollte nun auch hier seinen Dienst tun. Überhaupt hatte das, was wir da spielten, wenig zu tun mit diesem heruntergeladenen Abenteuer. Einziger gemeinsamer Punkt: Es gab ein Moor.

Zum Glück nahm der Meister das Ganze mit Humor (puh, das hätte auch ins Auge gehen können, ins ganz schwarze nämlich!) und erklärte, also irgendwie sei wohl doch eher das Spielen so seins, und ob wir doch wieder tauschen könnten? Konnten wir, und niemand verlor ein weiteres Wort über diesen Spielabend. Der Coolness-Spieler selbst machte später einen Running Gag daraus, denn wenn es zu Situationen kam, bei denen man situationsbedingte Unsicherheit von mir oder später noch einem anderen SL bemerkte, warf er ein: “Komm schon, versenk es/ihn/sie sonst einfach im Moor, passt schon!”. Anfangs traute sich kaum wer zu lachen, irgendwann später schon. Noch heute bin ich nicht die einzige, die sich an diesen Spielabend erinnert, sondern der Meister des Abends und ich können noch heute immer wieder mal darüber lachen. Dass er schon vor weit über 10 Jahren kein Rollenspiel mehr angerührt hat, hat andere Gründe. Aber darauf komme ich auch noch zu sprechen in dieser Retro-Reihe.

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