Retro XIII: Der Milleniumscrash

Es war ja verdammt lang still in meiner „Retro„-Rubrik, in der mich ein bisschen an Vergangenes zum Thema Rollenspiel erinnere, so quasi von Grundschulzeiten an. Das liegt unter anderem daran, dass die Rubrik chronologisch gesehen etwa das Jahr 2000 erreicht hat und damit einen doch eher „aktuellen“ Stand. Zumindest hat sich von da an vieles bei mir gehalten oder vertieft, und die Anekdoten sind ebenfalls welche, wie man sie eher kennt und von daher – glaube ich – doch eher uninteressant für die meisten.

Dennoch hat meine erste Teilnahme am Media-Monday mich auch wieder an eine Art Entwicklungsgeschichte erinnert, die ich insofern erwähnenswert finde, dass das wirklich eine für mich sehr prägende Zeit war: meine Anfänge in der World of Darkness.

Wie schon im eben erwähnten Media-Monday berichtet, bin ich ziemlich früh auf „Vampire, die Maskerade“ gestoßen (worden), denn der damalige Rollenspielladen (davon gab es damals drei; heute gibt es keinen einzigen mehr :-() pries mir das Grundregelwerk als den neuesten heißen Scheiß an – und ich kaufte es prompt.

Die Idee des Spiels fand ich unheimlich cool und plante direkt quasi weltumspannende Ereignisse, derweil ich mein Geld für jedes erhältliche deutschsprachige Produkt des Spiels in den Rollenspielladen trug. Zwei Dinge waren in dieser Anfangszeit besonders bemerkenswert:

1. Ich schrieb irgendwen aus der KOOP-Datenbank. der in meiner Nähe wohnte und VtM aufführte an und fragte nach Einstiegshilfe. Und ich bekam sogar recht prompt Antwort und ein junger Mann namens Patrick machte sich sogar auf den Weg zu mir und erklärte mir einen ganzen Nachmittag lang, wie er VtM spielt, wie er seine Abenteuer so plant und so weiter. Ganz ehrlich, werter Patrick: Ich habe schon ewig keine Ahnung mehr, wie du sonst so geheißen hast, ob du dich heute in den Weiten der Rollenspielcommunity rumtreibst oder dem Hobby längst den Rücken gekehrt hast, aber diesen Nachmittag habe ich bis heute nicht vergessen. Einfach, weil da einfach jemand aus lauter Freude am Hobby eine ganze Menge Zeit und Geduld aufgebracht hat, nur um einer Einsteigerin in das eigene Lieblingssystem zu helfen und zu inspirieren. Einfach so. Ganz großes Kino!

2. Anstatt erst mal gescheit ein kleines Ründchen zum Ausprobieren anzusetzen, fragte ich breit rum, wer Interesse hätte. Es meldete sich aus meinem damaligen Rollenspielkreis (und solche, die wegen des Vampirthemas plötzlich Interesse daran hatten) ein komplettes Dutzend Leute. Und ich dachte mir: „Super, da hab ich ja quasi alle Vampire der Umgebung beinander und kann dieses Intrigending auch viel besser mal einbringen.“ Tja, so kreierte ich eine Runde, die aus 12 Spielern bestand, aber aufgeteilt auf 2-4 Gruppen spielen sollte, je nachdem, was eben so anstand.

Fröhlich setzte ich mich also hin und erstellte tonnenweise NSC, schnibbelte Fotos aus dem Quelle-Katalog aus, um NSC zu illustrieren und – Achtung, Bildungsaspekt! – setzte mich hin und beschäftigte mich intensivst (und das meine ich genau so) mit der Geschichte und Entwicklung des Ruhrgebiets, denn schließlich musste man ja als Meister SL Erzähler über alles genau Bescheid wissen. Ich habe sogar einen ausfaltbaren Stadtplan mit Hilfe von allen möglichen Schnipseln aus dem Stadtarchiv mit einem kompletten Nosferatu-Untergrund sowie sämtlichen Ein- und Ausstiegen versehen und sowas. Machen wir uns nix vor: Das hat richtig Spaß gemacht damals (und einen Teil des Krams hab ich sogar noch in alten Ordnern, hihi), aber mehr konnte meine DSA-Sozialisierung wohl nicht durchschlagen. Das war weit über „Hobby ist die Definition einer fortlaufenden Handlung, bei der man mit maximalem Aufwand den geringst möglichen Nutzen erzielt“ hinaus.

Und natürlich verlief das Ganze fatal.

Weltumspannend ist einfach Kacke für einen Einstieg, und faszinierender Weise machte ich damals schon meine ersten Erfahrungen mit „dem“ Vampire-Spielertypus. Es ist erschreckend, welche Geilheit auf Intrigen, Ruhm und vor allem Macht dieses Spiel damals in manchen Leuten so vorgebracht hat. So manch einer ging in der Arschlochattitüde von VtM einfach gänzlich auf.

Es gab letztlich einen einzigen (gemeinsamen) Spielabend. Und das war eigentlich unter all diesen Voraussetzungen einer zuviel.

Und so blieb ich auf meinen ganzen teuren Büchern und einem Haufen mit Liebe ersteller Domäneninfos sitzen.

Komisches Spiel, das.

Mit anderen teilen ...Share on Google+Tweet about this on TwitterShare on Facebook

Leave a Comment.