WE20 – coole Rollenspielcommunity
Es dürfte Anfang Oktober 2025 gewesen sein, als ich über die Webseite von WE20 gestolpert bin. Oh, eine neue Seite, wo man Runden anbieten und selbst teilnehmen kann – mal im Auge behalten. Ungefähr das waren meine Gedanken. Die Seite wanderte vorsorglich gleich in meine Bookmarks, aber aus Zeitgründen habe ich mich nicht weiter damit befasst.
Ende November hatte ich dann mal ein bisschen Luft und bin auf den Discord-Server der Seite geschlittert. Ich wollte mal sehen, ob und was da so geschrieben wird. Außerdem ging ich davon aus, dass angebotene Runden wie üblich über diesen Discordserver laufen würden beziehungsweise auch sollten.
Genau da begann meine Reise mit WE20, und bislang bin ich unheimlich begeistert von diesem Projekt.
Verloren in den Weiten des Internets
Es gibt einige Anlauf- und Sammelstellen, die ich sehr schätze. Ich war Jahre lang intensive (aber weitgehend stille) Nutzerin der Rollenspielcommunity auf Google+, noch viel länger begeisterte Nutzerin der Drachenzwinge. Letztere wurde mir mal empfohlen, als ich drauf und dran war, aufgrund von Mangel an Mitspielenden, Treffs und Co. das Hobby aufzugeben. Genau das konnte die Möglichkeit, über die Drachenzwinge via Teamspeak zu spielen, damals verhindern. Irgendwann bin ich dann zum Nerdpol gewechselt, weil ich die Option, mit Ton und Bild zu spielen, live zu spielen, aufzeichnen zu dürfen etc. einfach gut fand. Ich nutze sehr gern rsp-blogs, nicht nur für meinen eigenen Blog, sondern auch zum Entdecken spannender Beiträge anderer (und bin heilfroh, dass der Blechpirat sich die Mühe gemacht hat, nach einem Hacking alles wieder aufzusetzen: danke dafür!). Und ich freue mich, dass es das Tanelorn als Forum weiterhin gibt.
Das alles sind so Anlaufstellen und Sammelpunkte, die man viel zu leicht als gegeben hinnimmt, die man voraussetzt. Und das sind sie alle nicht. Google+ oben habe ich nicht verlinkt, weil es irgendwann abgeschafft wurde, und das Hacking von rsp-blogs zeigt, was da ist, kann auch ganz schnell wieder weg sein.
Dass das alles sich teils abschafft oder zumindest diese Gefahr ständig wie ein Damoklesschwert über uns allen schwebt, das zeigt auch die seit einigen Jahren zunehmende Fragmentierung. Früher hat man neben Anlauf-/Sammelstellen halt seinen zusätzlichen eigenen Forenbereich gehabt, urfrüher eine Mailingliste, dann mal ICQ, eben Teamspeak, vielleicht ein rundenintern genutztes Wiki … heute ist Discord das große Ding.
Ich mag Discord grundsätzlich ganz gerne. Es ermöglicht einem, zu spezifischen Themen, im engeren oder weiteren Sinne, einen Austausch zu finden und zugleich, über private Chats, auch mit mehreren Personen, Dinge zu verabreden, sich zu organisieren usw. Was Discord primär bieten möchte, sind Communities. Und genau das ist eine coole Sache. Man hat mal ne Weile die Nase voll von Thema ABC? Kein Problem. Nutze Discord einfach weiter und schau nicht in den entsprechenden Kanal, stell ihn stumm.
Nicht so cool ist, dass eben diese Communities sich immer mehr abkanzeln. In Zeiten, wo „Influencing“ ja (noch) der heiße Scheiß oder das begehrte Ziel für viele ist, dreht sich vieles um einzelne Personen, um einzelne Verlage usw. Ist erst mal nicht so schlimm. Zumindest letzteres kann ich gut nachvollziehen. Und hey, auch wir haben einen Discord, auch wenn der zugegenermaßen nicht allzu viel bietet und ziemlich brach liegt. Entstanden ist der einfach in einer Zeit, in der wir stetig Oneshots angeboten haben, Mitspielende gesucht haben und den Austausch vereinfachen wollten, nachdem es via Youtube eben keine Privatnachrichten mehr gab. Und nun ist er halt da, wir schreiben oder verlinken manchmal was, freuen uns, wenn wer anderes ein Lebenszeichen von sich gibt, aber es ist keine lebendige Community.
Um Kontakt zu halten, zu finden, Runden, Mitspielende, Themen, News … tingelt man also Tag für Tag, Woche für Woche durch nur wenige Anlaufstellen und zugleich durch etliche verschiedene Discords. Und wenn man halbwegs aktiv mitliest, stellt man fest: Irgendwie sind es weitgehend sowieso dieselben Nasen, die irgendwo sitzen, nur manchmal mit anderem Nickname dank servereigenem Profil.
Warum mich WE20 direkt angesprochen hat
Das sind so das Mindset und die Annahmen, mit denen ich also auf den WE20-Discord geschlittert bin. Und ich wurde überrascht.
Der Discord ist aktiv, belebt, es gibt täglich neue Beiträge, aber nichts davon kommt mir wie Spam vor. Selbst die WE20-eigenen Beiträge (gesammelte Links zu den neuesten Blogartikeln, Runden und so weiter, siehe weiter unten) sind erst kürzlich gebündelt worden, um nicht zu viel in verschiedenen Kanälen zu spammen. Neben fehlendem Spam auch kein Smalltalk-Bullshit, in dem belanglose Memes aufeinander folgen am laufenden Meter, und auch das nervige Guten Morgen! von drölfzig Mitgliedern, das ich ebenfalls nicht als nett und irgendwie kuschelig empfinde, sondern als lästig, fehlt dort. Focus is king. Geil.
Die nächste Überraschung: Ja, die meisten Runden laufen über den Discord da. Meist Voice only, manchmal teilweise oder durch alle mit Video, manchmal nur Ton, aber VTT-Unterstützung, die gestreamt wird. Aber es lässt sich schon erahnen: WE20 läuft nach dem Prinzip, dass du es einfach machen kannst, wie du möchtest.
Ich kann eine Runde ausschreiben oder an einer teilnehmen, die eben so läuft. Die Runde läuft vielleicht aber auch live irgendwo, ob Twitch, Youtube oder sonstwo. Ja, vielleicht wird sie aufgezeichnet oder ist live. Vielleicht gibt es Zuhörende. Vielleicht – und das finde ich mit am bemerkenswertesten – läuft die Runde aber sogar auf einem komplett anderen Discord-Server. Gut, wenn man da erst beitreten muss, mag das nervig sein. Aber alle anderen Aspekte können ja ebenfalls Ausschlusskriterien sein. Es ist schlicht so: DU hast die WAHL!

Hier mal ein Einblick in die Suchmaske, mit der man nach Runden schauen kann, die aktuell ausgeschrieben sind. Wie man sieht, kann man nach Wochentag, Uhrzeit, Rundentyp (Oneshot, Multishot, Kampagne, Pool-Kampagne) und sogar nach Online- und Tischrunden unterteilen, ebenso nach Altersbeschränkung und bestimmten Spielsystemen.
Webseitenbetreiber Paul und Mitbetreiber Uwe aka CSI Arkham (Fluffcrunch) waren im Dezember zu Gast im Podcast des Würfelhelden und erwähnten als Beispiel, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt 19 Runden ausgeschrieben wären. Zu dem Zeitpunkt, zu dem ich gerade schaue, sind es über 60. Gut, das liegt auch an einem angekündigten Event mit entsprechenden Rundenangeboten, aber man sieht: Das Angebot wächst.
Wie man Runden anbietet
Ist man angemeldet als User, kann man ganz simpel eigene Runden ausschreiben. Hierbei sieht die Maske etwas anders aus. Man kann einen Termin festlegen oder einfach nur erst mal die Runde ausschreiben und schauen, wer sich so meldet. Man kann die voraussichtliche Dauer des Ganzen eintragen und neben einer Kurzbeschreibung auch einen Link zum Server, auf dem gespielt wird. Man kann angeben, ob es eine Altersbeschränkung gibt, Charaktere gestellt werden, die Runde einsteigergeeignet ist, aufgezeichnet werden soll, ob es ein öffentlicher Termin ist (zum Beispiel auch Convention), ob man eine Kamera bei Mitspielenden erwartet, das Zuhören erlaubt ist für nicht aktiv Mitspielende und so weiter. Hammer, oder?
Der WE20-Herold
Man kann sich auch einfach für den Herold eintragen, Wochentage, Zeiten etc., vor allem aber Systeme angeben, und wann immer Termine eingetragen werden, die mit dem eigenen Gesuch (ähnlich Spielerdatenbank) matchen, wird man benachrichtigt. Man muss also nicht ständig selbst aktiv suchen. Finde ich sehr komfortabel.
Spielrunden-Verwaltung
Runden, die man anbietet und auch solche, zu denen man sich über die Seite angemeldet hat, werden sowohl per Mail bestätigt als auch auf der Seite für einen persönlich gelistet, sodass man aktuell anstehende Termine im Blick behält und immer mal wieder auch in die Ausschreibung linsen kann, wenn man denn möchte.
Want to play?
Ein wirklich nettes Gimmick (das langfristig ebenfalls Potenzial für mehr hat) ist WE20-Want to play. Man kann in der Liste aller Spiele anklicken, welche davon man selbst gern einmal spielen wollen würde. Diese Klicks werden 45 Tage lang gespeichert und geben dann eine Liste aus mit allen gewünschten Spielen und deren aktueller Top 10.
Derzeit wird das System noch nicht ganz so umfassend genutzt (im Schnitt ca. 40 User mit abgegebenen Stimmen), aber man stelle sich mal vor, wenn vielleicht Hundert(e) Leute dort alle 4-6 Wochen ihre Angaben machen. Dann bekäme man tatsächlich mal realistisches Feedback, welche Spiele wirklich gerade gehyped/gewünscht werden. Klar, kann man über Forenumfragen auch hinkriegen, aber die laufen ja meist nur sehr begrenzte Zeit und die mitzunehmenden Eindrücke stammen dann eben aus genau so einem Zeitraum.
Systemvielfalt
Aktuell sind fast 150 Spiele bei WE20 gelistet. Und die Liste ist natürlich nicht endgültig, sondern wird stetig erweitert (wenn jemand nachfragt, etwas Bestimmtes anbieten möchte und so weiter). Was mich persönlich bei dieser Liste begeistert ist, dass sie über eine schlichte Auflistung weit hinaus geht. Klickt man die Kachel eines Spiels in der Übersicht an, öffnet sich eine Seite, die einem gleich weitere Infos mitgibt: Von welchem Verlag ist das Spiel (deutsch/englisch)? Was für ein Spiel ist das eigentlich? Was sind die Besonderheiten? Für wen eignet es sich besonders (und für wen vielleicht eher nicht)?
Angefügt sind auch ein paar ausgewählte Reviews, Tutorials, Regelvideos und eine Liste der zur Verfügung stehenden Publikationen zum Spiel. Eine Dropdown-Liste, bei der man nach Titel, Typ, Seitenzahl, Erscheinungsjahr und Sprache sortieren kann.
Seiteneigene Infos gibts an dieser Stelle auch. Wie oft wurde das Spiel bislang auf WE20 gespielt? Wie viele Leute (und welche) haben angegeben, dass sie dieses Spiel spielleiten? Welche Runden sind derzeit für dieses Spiel ausgeschrieben?
Zugegeben, die Infos finden sich so nicht alle umfassend für alle Spiele. So viel Inhalt will halt erst einmal befüllt werden, und das dauert eben.
Systempatenschaften
Um das Befüllen der vorbeschriebenen Seiten voran zu treiben, kann man sich bei WE20 als Systempate oder Systempatin melden. Das bedeutet, dass Infos unterschiedlich zur Verfügung stehen, also in unterschiedlichem Umfang, durchaus auch von eigener Meinung geprägt und so weiter. Es bedeutet aber auch, dass Leute Bock haben, sich für bestimmte Systeme und deren Pflege auf der Seite einzubringen. Und das allein finde ich schon cool.
Aktuell gibt es knapp ein Dutzend Leute, die Spielseiten betreuen. Die einen ein einzelnes Spiel, manche mehrere. Und es kommt eben soviel Neues dazu, wie private Zeit dazu gegeben ist. Kann manchmal also dauern. 🙂
Aber auch das finde ich super. Man „kriegt“ nix dafür, sondern macht es auf freiwilliger Basis, wenn man möchte. Aber es steht auch niemand mit der Peitsche hinter einem und treibt einen an, wann und wie denn nun wo und wie viel zu stehen hat. Ist nicht genau dieser entspannte Umgang etwas, das eine gute Community ausmacht?
Ihr seht ja schon, wie begeistert ich bin. Und klar, ich hab mich da trotz enger Zeitfenster natürlich ebenfalls bereits freiwillig gemeldet. 😁
Communitypflege
Damit meine ich an dieser Stelle nicht die WE20-eigene Community, sondern die Rollenspielcommunity an sich. Die Seite bietet einen eigenen Navigationspunkt Communities. Dahinter verbergen sich weitere Sammlungen, nämlich Rollenspielvereine (mit Map), anstehende Conventions und eine Liste deutschsprachiger Discordserver rund ums Hobby.
Leider (noch) nicht unter diesem Punkt, aber über die Startseite erreichbar ist eine Blog-Watch. Und WE20 führt auch einen eigenen Blog, allerdings mit bislang nur wenigen Artikeln.
Wie bei allem anderen gilt, dass das Ganze offen gestaltet ist. Man kann einfach Blogs, Vereine, Conventions usw. eintragen. Diese werden, soweit ich weiß, nicht ad hoc freigegeben, sondern adminseitig, aber das finde ich angesichts von Spam und Co. auch besser so.
Umgangston
Zentral bei Communities finde ich den Umgangston. Und leider gibt es für mich viele, die mich abschrecken, vergraulen oder zumindest von aktiver Teilnahme schnell Abstand nehmen lassen. Das ist bei WE20 aktuell nicht so. Geschrieben wird ohnehin im Discord eher wenig, wenn man es jetzt auf den allgemeinen rollenspielerischen Austausch bezieht. Aber auch da finde ich wieder, dass das eher Ruhe reinbringt.
Der Austausch findet vor allem im Lagerfeuer, dem Talkchannel des Discords, statt. Hier ist fast immer jemand vor Ort oder es kommt zeitnah jemand dazu, wenn man sich selbst in den Channel hockt. Egal, ob man nur ein paar Minuten dort verbringt oder Stunden, es ist durchaus angenehm. Dabei kann es sein, dass gemeinsam geschwiegen wird, während man sich eigentlich mit anderen Dingen befasst, zum Beispiel Abenteuer vorbereiten. Es kann auch eine angeregte Unterhaltung sein, wobei die bislang nie in eine fanatische oder allzu klugscheißende Richtung abdriftet. Vorangestellt ist immer, wie man selbst etwas erlebt und wahrnimmt, und bislang kann ich sagen, war der Umgang mit allerlei freundlich, wertungsfrei, interessiert und lösungsorientiert. Perfekt. Aber es muss auch nicht immer für alles eine Lösung geben. Manchmal geht es einfach darum, Eindrücke oder Ideen zu teilen. Und auch, wenn darunter Aussagen sind, dass einem Spiel XYZ nicht gefällt, dann ist das valide. Und das ist nicht so selbstverständlich, wie man meinen sollte. Ich hoffe sehr, dass das so bleiben wird.
Nix Negatives?
Bislang gibts aus meiner Sicht tatsächlich nichts Negatives. Ich mag diese sortierte Fülle und ich sehe in dem Projekt enormes Potenzial. Es gilt natürlich, was immer gilt, nämlich dass sich das alles auch verändern oder kippen kann. Zum aktuellen Zeitpunkt sehe ich diese Gefahr allerdings nicht. Alle Betreiber machen einen entspannten und aufgeräumten Eindruck, was schon mal eine wichtige Grundvoraussetzung ist. Die Seite ist SEO-mäßig richtig gut aufgestellt, gleichzeitig wird man aber auch nicht mit Werbung für WE20 überall zugedonnert. Das führt dazu, dass neue Leute zwar stetig dazu kommen, aber der Zustrom hält sich auch da bislang in Grenzen. Das führt ebenfalls zu etwas mehr Ruhe und dazu, dass sich neue Leute in Ruhe zurechtfinden und Anschluss bekommen können.
Apropos Werbung: In der FAQ zum Projekt findet sich folgender Text:
WE20 ist wird zur Zeit nicht bezuschusst, erhält keine Einnahmen von Verlagen, von Onlinewerbung, wir akzeptieren keine Spenden und sind sonst niemandem was schuldig. Die nötigen Ausgaben werden komplett von uns selbst getragen.
Ist zwar doof, dafür geht uns aber niemand mit Ansprüchen auf die Nerven und wir können unser Projekt so ausgestalten wie wir es für richtig halten.
Und auch das finde ich echt richtig gut!
Gleichzeitig geht es zur Abwechslung mal nicht darum, sich selbst beziehungsweise das Projekt besonders hervorzuheben und sich selbst zu bauchpinseln, sondern darum, eine kooperative Anlaufstelle zu bieten. Aus Bock. Weil man es kann. Und weil es das braucht. Letzteres glaube ich zumindest, denn für mich schließt WE20 eine Lücke und ich hoffe echt – für das Projekt und mich selbst auch -, dass sich das weiter so entwickelt.

