3x Cyberpunk zum Mitnehmen

Grüngraue Sparkles im Hintergrund, vorne Titel des Artikel mit den Coverabbildungen der Rollenspiele Cy_Borg, Shadowrun 6 und Otherscape

Nachdem ich jetzt in relativ kurzer Zeit drei verschiedene Spiele mit dem Aufdruck Cyberpunk gespielt bzw. geleitet habe, dachte ich mir, eine Art Gegenüberstellung wäre vielleicht auch ein ganz guter Inhalt für einen Blogbeitrag. Im Einzelnen geht es um Shadowrun, :Otherscape und Cy_Borg, wobei ich Shadowrun und :Otherscape schon mal per Video miteinander verglichen hatte.

ShadowrunCover des Shadowrun6-Quellenbuchs "Revierbericht 2082" mit einer Person mit Schutzausrüstung wie Atemfilter und kurzem rosa Iro

Neben Cyberpunk (Red) ein absoluter Klassiker – bei dem sich (natürlich) auch wieder die Geister scheiden. Und das sogar ein bisschen wortwörtlich, denn Geister gibt es schließlich in der Welt von Shadowrun. Ebenso wie es Magier gibt, Orks, Elfen und allerlei mehr, und zugleich typische Cyberpunk-Aspekte wie Hacker, KI, Megakonzerne und Co. Dieser bunte Mix sorgt einerseits für Abwechslung, andererseits bei nicht wenigen aber durchaus auch für ein Naserümpfen. Was denn nun? Cyberpunk? Cyber Fantasy? Sci-Fantasy?

Ich selbst mag diesen Mix wahnsinnig gerne. In die zweite Edition habe ich begeistert reingesehen, die dritte sehr intensiv bespielt, die vierte ausgelassen, die fünfte wiederum weitgehend gelesen und ganz frisch ist der aktive Einstieg in die sechste Edtion (auch wenn die schon einige Jahre alt ist). Auch wenn Shadowrun mit seiner Timeline (aktuell in den 2080ern) schon mehrfach von der Realität überholt wurde und sich dadurch mit der Zeit ein immer kruderes Bild des Ganzen ergibt, ist es für mich genau der wirre Mix, der das Spiel für mich besonders macht.

Shadowrun, mindestens ab der dritten Edition, ist keines der Spiele, die man mal eben spontan auf den Tisch legt und loslegt. Es braucht viel Zeit, sowohl bei der Charaktererstellung als auch bei der Vorbereitung. Es braucht am besten einiges an Commitment am Tisch, ob und wie sehr man nun mit den jeweiligen Regeln welcher Edition spielt, ob es Hausregeln gibt, welche der unzähligen Bücher gültig sind für die Runde, ob nun in Bezug auf Regeln oder Weltgeschehen und und und. Es ist ein sehr kleinteiliges Spiel, je nach Edition mit einigem an Buchhalterei. Das alles muss man schon auch ein bisschen wollen.

Was mich an Shadowrun begeistert, ist aber unter anderem diese Freiheit. Auch die Möglichkeit, mit demselben Spiel ganz unterschiedliche Ebenen easy abbilden zu können, mag ich. Low und dreckig, Hightech, sehr magisch und mystisch bis hin zum Horror. Spezielle Runden, in denen man die Welt nicht aus der Sicht klassischer Runner erlebt, sondern aus der Sicht von Rettungssanis in einer DocWagon-Kampagne, als LoneStar-Cops, als Konzerner etc. erlebt. Alles nicht nur möglich, sondern sogar durch entsprechende Bücher und Snippets auch offiziell unterfüttert. Dreckiger Cyberpunk, dystopisch und degenerativ, gesellschaftskritisch, transhumanistisch … ebenfalls alles drin. Und gerade der fantastische Einschlag macht es – aus meiner Sicht – leichter, sich dabei durchaus auch mit ernsten Themen auf unterschiedliche Art auseinanderzusetzen oder sie abzubilden. Soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit vor allem, auf sehr vielen und verschiedenen Ebenen. Aber es geht auch leichter.

Shadowrun ist für mich eine riesige bunte Tüte. Von der Menge der Veröffentlichungen, der Inhalte, der Angebote, aber auch der Regeln. Und es ist ein Spiel mit höherer Verbreitung, in deutscher Sprache erhältlich und das auch ziemlich günstig. Was wiederum der Verbreitung gut tut.

Cover des Grundregelwerks :Otherscape mit 3 Personen im Vordergrund, Cyberpunk:Otherscape

Dazu habe ich ja schon einige Videos erstellt, worunter sich auch aktuell zwei Oneshots befinden mit unterschiedlicher Leitung und unterschiedlichem Fokus. Angeschaut und angehört habe ich mir ebenfalls einige Runden, die ihrerseits ziemlich unterschiedlich sind. Da wäre einmal der Special-Podcast mit Actual Play von Rollenspiel Rhapsody. Dann ein Actual Play, das bei Brooks Live lief. Oliver Hoffmann, Teil des Verlags Storypunks, die die deutsche Ausgabe von :Otherscape gebracht haben, hat bei Orkenspalter eine Runde geleitet. Mel Helke, ebenfalls von den Storypunks, hat bei Carabas Crafts eine Runde im Anime August 2025 geleitet und auch eine Schnupperrunde bei RollenspielWelten. Der Originalverlag Son of Oak hat auch eine eigene Playlist zum Spiel mit diversen Erklärungen und kleinen Spielbeispielen (englisch). Wenn ihr also Einblicke gewinnen wollt, habt ihr dazu so einige Möglichkeiten.

Das bringt mich auch gleich zu dem, was mich an :Otherscape begeistert: Es ist ein sehr flexibles und anpassungsfreundliches Spiel. Durch die Art des Charakteraufbaus geht :Otherscape für mich sehr viel mehr in die transhumanistische Richtung von der Basis her. Auch hier kann man aber alle möglichen Richtungen einschlagen. Ob nun deutlich mythischer, mystischer oder auch freakiger als sogar Shadowrun oder abseits des Mythos auf bodenständige Art und unter Auslassung der mythischen Optionen: kann man sehr leicht umsetzen und muss dafür nicht einmal irgendwas verbiegen.

Ein Setting gibt :Otherscape nicht vor. Es gibt einige Eckpunkte für den gemeinsamen Vorstellungsraum und Beispiele; mit Tokyo und Cairo gehts ein bisschen mehr in die Tiefe, was das angeht und einige wirklich knappe Eckpunkte zu großen Städten bzw. Sprawls finden sich zur Inspirationen bereits im Grundregelwerk. Was man letztlich daraus macht, ist aber Sache der jeweiligen Gruppe und kann mehr oder weniger relevant sein. Es gibt einen eigenen Sprawlbaukasten, den man als SL oder gemeinsam in der Gruppe nutzen kann. Ebenso werden Charaktere optimalerweise miteinander vernetzt durch verschiedene Tags. Das gibt einem sehr viele Freiheiten.

Gefeiert wird :Otherscape meist als besonders regelarmes und narratives Spiel. Das stimmt meiner Ansicht nach so nicht. Es ist völlig unproblematisch, :Otherscape mit den absoluten Basicregeln zu spielen (2W10+/-) und hat dann einen Mix aus PbtA und (eher noch) Fate. Die Regeln, wie sie im Buch stehen, sehen allerdings durchaus ein komplexeres Hin und Her an Regeln, Status, Tags usw. vor, was dann durchaus auch ein bisschen Buchhaltung braucht und den Spielfluss unterbrechen kann. Es ist nur letztlich einigermaßen unerheblich, ob man es nun nutzt oder weglässt.

Das bildet auch das einzige Problem ab, das ich mit :Otherscape habe, so gern ich es an sich mag: Es ist mir zu beliebig und zu wenig fokussiert, einmal abgesehen von dem durch die bereits erwähnten Themebooks und deren Auswirkungen als solche.

Einsicht in das übersichtliche Charakterblatt von Cy_Borg auf Roll20. Hintergrund schwarz, Rahmen pink, Rest weiß.
Cy_Borg-Charakterbogen auf Roll20

Cy_Borg

Von den „Borgs“ gibt es ja mittlerweile einiges, angefangen bei Mörk Borg über Pirate Borg – bis hin zu Cy_Borg.

Wer es kennt, sieht schon, dass wir uns hier im Blogartikel von oben nach unten arbeiten. Nicht unbedingt hinsichtlich der Wertung, aber hinsichtlich Umfang, Setting und Regeln auf jeden Fall.

Cy_Borg setzt einige Eckpunkte im Setting, eben die typischen Cyberpunk-Elemente und -klischees, umgesetzt mittels der fiktiven Megacity Cy. Und das war es dann auch.

Nicht mal 170 Seiten umfasst das komplette Regelwerk, und das knallige Artwork im Stil der 80er (oder eben auch typisch für die Borg-Spiele) nimmt sehr viel Raum ein im Vergleich zum Text. Das sagt schon vieles aus. Zum Beispiel: Besser nicht selbst ausdrucken. Spaß beiseite. Das ist wirklich das vollständige Regelwerk. Und es fehlt eigentlich auch nichts.

„Quick and dirty“ ist das Motto, und entsprechend ist ein Charakter in etwa zwei Minuten erstellt. Zum Beispiel mit einem Generator. Sonst braucht man vielleicht fünf Minuten.

Cy_Borg orientiert sich am OSR-Stil und entsprechend sind die Regeln minimalistisch, es gibt zahlreiche Zufallstabellen und ein paar Klassen, aber eigentlich startet man als Punk. Gestorben wird unglaublich leicht, darum handelt man besser überlegt und schlägt sich vielleicht eher nicht ins Zentrum eines Kampfes.

Das Spiel ist simpel und dreckig. Gefahren lauern nicht zwingend nur von außen, sondern vielleicht in deinem eigenen Körper, zum Beispiel durch Fehlfunktionen deiner Cyberware oder einen Naniten-Befall. Apropos Naniten: Diese können nicht nur negative Effekte haben, sondern durchaus auch für abgefahrene Dinge sorgen, sowas wie Moos, das über deine Wunden kriecht oder fluoreszierende Effekte in deinen Adern. Diese Effekte sind allerdings grundsätzlich immer noch mundan. Fantastische Elemente abseits dessen sind für Cy_Borg nicht angedacht.

Ist :Otherscape auf 10 gedreht, ist es bei Cy_Borg die 100. Hier ist jegliche Hoffnung verloren und beinahe automatisch zelebriert man die nahende Apokalypse, könnte man sagen. Das ist so gewollt, und genau so spielt es sich auch.

Kein Spiel, wenn man auf lange Kampagnen abzielt und außerdem zum aktuellen Zeitpunkt nur auf englisch erhältlich, aber wenn ihr Bock auf (in mehrererlei Hinsicht) ziemlich abgerockten und abgefuckten Oldschool-Cyberpunk habt, dann ist das hier die richtige Variante für euch. Ein Spielbeispiel aka Actual Play gibts von uns hier.

 

Wie sind deine Erfahrungen mit diesen Spielen und welche magst du besonders – oder gar nicht? Und warum?

Oder ist es bei dir ein anderes Spiel, das dich im Genre aufblühen lässt? Treibst du dich lieber in Night City und Cyberpunk (Red) rum? Bist du Fan von The Sprawl oder gehörst zu denen, die Anarchy hypen? Schreib mir das gerne – oder setz gerne auch einen Link zu deinem Blogartikel oder Video zum Thema unter diesen Artikel. 🙂

2 Kommentare

  1. Author

    Gibt ja sogar noch einiges mehr aus dem Genre, aber wollte mich auf die magische Zahl 3 beschränken und die Sachen, die ich spielerisch auch ein bisschen beurteilen kann. Aber danke dir für den Hinweis. 🙂

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