Grüngraue Sparkles im Hintergrund, vorne Titel des Artikel mit den Coverabbildungen der Rollenspiele Cy_Borg, Shadowrun 6 und Otherscape

Nachdem ich jetzt in relativ kurzer Zeit drei verschiedene Spiele mit dem Aufdruck Cyberpunk gespielt bzw. geleitet habe, dachte ich mir, eine Art Gegenüberstellung wäre vielleicht auch ein ganz guter Inhalt für einen Blogbeitrag. Im Einzelnen geht es um Shadowrun, :Otherscape und Cy_Borg, wobei ich Shadowrun und :Otherscape schon mal per Video miteinander verglichen hatte.

ShadowrunCover des Shadowrun6-Quellenbuchs "Revierbericht 2082" mit einer Person mit Schutzausrüstung wie Atemfilter und kurzem rosa Iro

Neben Cyberpunk (Red) ein absoluter Klassiker – bei dem sich (natürlich) auch wieder die Geister scheiden. Und das sogar ein bisschen wortwörtlich, denn Geister gibt es schließlich in der Welt von Shadowrun. Ebenso wie es Magier gibt, Orks, Elfen und allerlei mehr, und zugleich typische Cyberpunk-Aspekte wie Hacker, KI, Megakonzerne und Co. Dieser bunte Mix sorgt einerseits für Abwechslung, andererseits bei nicht wenigen aber durchaus auch für ein Naserümpfen. Was denn nun? Cyberpunk? Cyber Fantasy? Sci-Fantasy?

Ich selbst mag diesen Mix wahnsinnig gerne. In die zweite Edition habe ich begeistert reingesehen, die dritte sehr intensiv bespielt, die vierte ausgelassen, die fünfte wiederum weitgehend gelesen und ganz frisch ist der aktive Einstieg in die sechste Edtion (auch wenn die schon einige Jahre alt ist). Auch wenn Shadowrun mit seiner Timeline (aktuell in den 2080ern) schon mehrfach von der Realität überholt wurde und sich dadurch mit der Zeit ein immer kruderes Bild des Ganzen ergibt, ist es für mich genau der wirre Mix, der das Spiel für mich besonders macht.

Shadowrun, mindestens ab der dritten Edition, ist keines der Spiele, die man mal eben spontan auf den Tisch legt und loslegt. Es braucht viel Zeit, sowohl bei der Charaktererstellung als auch bei der Vorbereitung. Es braucht am besten einiges an Commitment am Tisch, ob und wie sehr man nun mit den jeweiligen Regeln welcher Edition spielt, ob es Hausregeln gibt, welche der unzähligen Bücher gültig sind für die Runde, ob nun in Bezug auf Regeln oder Weltgeschehen und und und. Es ist ein sehr kleinteiliges Spiel, je nach Edition mit einigem an Buchhalterei. Das alles muss man schon auch ein bisschen wollen.

Was mich an Shadowrun begeistert, ist aber unter anderem diese Freiheit. Auch die Möglichkeit, mit demselben Spiel ganz unterschiedliche Ebenen easy abbilden zu können, mag ich. Low und dreckig, Hightech, sehr magisch und mystisch bis hin zum Horror. Spezielle Runden, in denen man die Welt nicht aus der Sicht klassischer Runner erlebt, sondern aus der Sicht von Rettungssanis in einer DocWagon-Kampagne, als LoneStar-Cops, als Konzerner etc. erlebt. Alles nicht nur möglich, sondern sogar durch entsprechende Bücher und Snippets auch offiziell unterfüttert. Dreckiger Cyberpunk, dystopisch und degenerativ, gesellschaftskritisch, transhumanistisch … ebenfalls alles drin. Und gerade der fantastische Einschlag macht es – aus meiner Sicht – leichter, sich dabei durchaus auch mit ernsten Themen auf unterschiedliche Art auseinanderzusetzen oder sie abzubilden. Soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit vor allem, auf sehr vielen und verschiedenen Ebenen. Aber es geht auch leichter.

Shadowrun ist für mich eine riesige bunte Tüte. Von der Menge der Veröffentlichungen, der Inhalte, der Angebote, aber auch der Regeln. Und es ist ein Spiel mit höherer Verbreitung, in deutscher Sprache erhältlich und das auch ziemlich günstig. Was wiederum der Verbreitung gut tut.

Cover des Grundregelwerks :Otherscape mit 3 Personen im Vordergrund, Cyberpunk:Otherscape

Dazu habe ich ja schon einige Videos erstellt, worunter sich auch aktuell zwei Oneshots befinden mit unterschiedlicher Leitung und unterschiedlichem Fokus. Angeschaut und angehört habe ich mir ebenfalls einige Runden, die ihrerseits ziemlich unterschiedlich sind. Da wäre einmal der Special-Podcast mit Actual Play von Rollenspiel Rhapsody. Dann ein Actual Play, das bei Brooks Live lief. Oliver Hoffmann, Teil des Verlags Storypunks, die die deutsche Ausgabe von :Otherscape gebracht haben, hat bei Orkenspalter eine Runde geleitet. Mel Helke, ebenfalls von den Storypunks, hat bei Carabas Crafts eine Runde im Anime August 2025 geleitet und auch eine Schnupperrunde bei RollenspielWelten. Der Originalverlag Son of Oak hat auch eine eigene Playlist zum Spiel mit diversen Erklärungen und kleinen Spielbeispielen (englisch). Wenn ihr also Einblicke gewinnen wollt, habt ihr dazu so einige Möglichkeiten.

Das bringt mich auch gleich zu dem, was mich an :Otherscape begeistert: Es ist ein sehr flexibles und anpassungsfreundliches Spiel. Durch die Art des Charakteraufbaus geht :Otherscape für mich sehr viel mehr in die transhumanistische Richtung von der Basis her. Auch hier kann man aber alle möglichen Richtungen einschlagen. Ob nun deutlich mythischer, mystischer oder auch freakiger als sogar Shadowrun oder abseits des Mythos auf bodenständige Art und unter Auslassung der mythischen Optionen: kann man sehr leicht umsetzen und muss dafür nicht einmal irgendwas verbiegen.

Ein Setting gibt :Otherscape nicht vor. Es gibt einige Eckpunkte für den gemeinsamen Vorstellungsraum und Beispiele; mit Tokyo und Cairo gehts ein bisschen mehr in die Tiefe, was das angeht und einige wirklich knappe Eckpunkte zu großen Städten bzw. Sprawls finden sich zur Inspirationen bereits im Grundregelwerk. Was man letztlich daraus macht, ist aber Sache der jeweiligen Gruppe und kann mehr oder weniger relevant sein. Es gibt einen eigenen Sprawlbaukasten, den man als SL oder gemeinsam in der Gruppe nutzen kann. Ebenso werden Charaktere optimalerweise miteinander vernetzt durch verschiedene Tags. Das gibt einem sehr viele Freiheiten.

Gefeiert wird :Otherscape meist als besonders regelarmes und narratives Spiel. Das stimmt meiner Ansicht nach so nicht. Es ist völlig unproblematisch, :Otherscape mit den absoluten Basicregeln zu spielen (2W6+/-) und hat dann einen Mix aus PbtA und (eher noch) Fate. Die Regeln, wie sie im Buch stehen, sehen allerdings durchaus ein komplexeres Hin und Her an Regeln, Status, Tags usw. vor, was dann durchaus auch ein bisschen Buchhaltung braucht und den Spielfluss unterbrechen kann. Es ist nur letztlich einigermaßen unerheblich, ob man es nun nutzt oder weglässt.

Das bildet auch das einzige Problem ab, das ich mit :Otherscape habe, so gern ich es an sich mag: Es ist mir zu beliebig und zu wenig fokussiert, einmal abgesehen von dem durch die bereits erwähnten Themebooks und deren Auswirkungen als solche.

Einsicht in das übersichtliche Charakterblatt von Cy_Borg auf Roll20. Hintergrund schwarz, Rahmen pink, Rest weiß.
Cy_Borg-Charakterbogen auf Roll20

Cy_Borg

Von den „Borgs“ gibt es ja mittlerweile einiges, angefangen bei Mörk Borg über Pirate Borg – bis hin zu Cy_Borg.

Wer es kennt, sieht schon, dass wir uns hier im Blogartikel von oben nach unten arbeiten. Nicht unbedingt hinsichtlich der Wertung, aber hinsichtlich Umfang, Setting und Regeln auf jeden Fall.

Cy_Borg setzt einige Eckpunkte im Setting, eben die typischen Cyberpunk-Elemente und -klischees, umgesetzt mittels der fiktiven Megacity Cy. Und das war es dann auch.

Nicht mal 170 Seiten umfasst das komplette Regelwerk, und das knallige Artwork im Stil der 80er (oder eben auch typisch für die Borg-Spiele) nimmt sehr viel Raum ein im Vergleich zum Text. Das sagt schon vieles aus. Zum Beispiel: Besser nicht selbst ausdrucken. Spaß beiseite. Das ist wirklich das vollständige Regelwerk. Und es fehlt eigentlich auch nichts.

„Quick and dirty“ ist das Motto, und entsprechend ist ein Charakter in etwa zwei Minuten erstellt. Zum Beispiel mit einem Generator. Sonst braucht man vielleicht fünf Minuten.

Cy_Borg orientiert sich am OSR-Stil und entsprechend sind die Regeln minimalistisch, es gibt zahlreiche Zufallstabellen und ein paar Klassen, aber eigentlich startet man als Punk. Gestorben wird unglaublich leicht, darum handelt man besser überlegt und schlägt sich vielleicht eher nicht ins Zentrum eines Kampfes.

Das Spiel ist simpel und dreckig. Gefahren lauern nicht zwingend nur von außen, sondern vielleicht in deinem eigenen Körper, zum Beispiel durch Fehlfunktionen deiner Cyberware oder einen Naniten-Befall. Apropos Naniten: Diese können nicht nur negative Effekte haben, sondern durchaus auch für abgefahrene Dinge sorgen, sowas wie Moos, das über deine Wunden kriecht oder fluoreszierende Effekte in deinen Adern. Diese Effekte sind allerdings grundsätzlich immer noch mundan. Fantastische Elemente abseits dessen sind für Cy_Borg nicht angedacht.

Ist :Otherscape auf 10 gedreht, ist es bei Cy_Borg die 100. Hier ist jegliche Hoffnung verloren und beinahe automatisch zelebriert man die nahende Apokalypse, könnte man sagen. Das ist so gewollt, und genau so spielt es sich auch.

Kein Spiel, wenn man auf lange Kampagnen abzielt und außerdem zum aktuellen Zeitpunkt nur auf englisch erhältlich, aber wenn ihr Bock auf (in mehrererlei Hinsicht) ziemlich abgerockten und abgefuckten Oldschool-Cyberpunk habt, dann ist das hier die richtige Variante für euch. Ein Spielbeispiel aka Actual Play gibts von uns hier.

 

Wie sind deine Erfahrungen mit diesen Spielen und welche magst du besonders – oder gar nicht? Und warum?

Oder ist es bei dir ein anderes Spiel, das dich im Genre aufblühen lässt? Treibst du dich lieber in Night City und Cyberpunk (Red) rum? Bist du Fan von The Sprawl oder gehörst zu denen, die Anarchy hypen? Schreib mir das gerne – oder setz gerne auch einen Link zu deinem Blogartikel oder Video zum Thema unter diesen Artikel. 🙂

We20-Logo (Würfelsymbol, daneben WE20 als Schrift) vor einem Hintergrund mit Sparkles in Grautönen

Es dürfte Anfang Oktober 2025 gewesen sein, als ich über die Webseite von WE20 gestolpert bin. Oh, eine neue Seite, wo man Runden anbieten und selbst teilnehmen kann – mal im Auge behalten. Ungefähr das waren meine Gedanken. Die Seite wanderte vorsorglich gleich in meine Bookmarks, aber aus Zeitgründen habe ich mich nicht weiter damit befasst.

Ende November hatte ich dann mal ein bisschen Luft und bin auf den Discord-Server der Seite geschlittert. Ich wollte mal sehen, ob und was da so geschrieben wird. Außerdem ging ich davon aus, dass angebotene Runden wie üblich über diesen Discordserver laufen würden beziehungsweise auch sollten.

Genau da begann meine Reise mit WE20, und bislang bin ich unheimlich begeistert von diesem Projekt.

Verloren in den Weiten des Internets

Es gibt einige Anlauf- und Sammelstellen, die ich sehr schätze. Ich war Jahre lang intensive (aber weitgehend stille) Nutzerin der Rollenspielcommunity auf Google+, noch viel länger begeisterte Nutzerin der Drachenzwinge. Letztere wurde mir mal empfohlen, als ich drauf und dran war, aufgrund von Mangel an Mitspielenden, Treffs und Co. das Hobby aufzugeben. Genau das konnte die Möglichkeit, über die Drachenzwinge via Teamspeak zu spielen, damals verhindern. Irgendwann bin ich dann zum Nerdpol gewechselt, weil ich die Option, mit Ton und Bild zu spielen, live zu spielen, aufzeichnen zu dürfen etc. einfach gut fand. Ich nutze sehr gern rsp-blogs, nicht nur für meinen eigenen Blog, sondern auch zum Entdecken spannender Beiträge anderer (und bin heilfroh, dass der Blechpirat sich die Mühe gemacht hat, nach einem Hacking alles wieder aufzusetzen: danke dafür!). Und ich freue mich, dass es das Tanelorn als Forum weiterhin gibt.

Das alles sind so Anlaufstellen und Sammelpunkte, die man viel zu leicht als gegeben hinnimmt, die man voraussetzt. Und das sind sie alle nicht. Google+ oben habe ich nicht verlinkt, weil es irgendwann abgeschafft wurde, und das Hacking von rsp-blogs zeigt, was da ist, kann auch ganz schnell wieder weg sein.

Dass das alles sich teils abschafft oder zumindest diese Gefahr ständig wie ein Damoklesschwert über uns allen schwebt, das zeigt auch die seit einigen Jahren zunehmende Fragmentierung. Früher hat man neben Anlauf-/Sammelstellen halt seinen zusätzlichen eigenen Forenbereich gehabt, urfrüher eine Mailingliste, dann mal ICQ, eben Teamspeak, vielleicht ein rundenintern genutztes Wiki … heute ist Discord das große Ding.

Ich mag Discord grundsätzlich ganz gerne. Es ermöglicht einem, zu spezifischen Themen, im engeren oder weiteren Sinne, einen Austausch zu finden und zugleich, über private Chats, auch mit mehreren Personen, Dinge zu verabreden, sich zu organisieren usw. Was Discord primär bieten möchte, sind Communities. Und genau das ist eine coole Sache. Man hat mal ne Weile die Nase voll von Thema ABC? Kein Problem. Nutze Discord einfach weiter und schau nicht in den entsprechenden Kanal, stell ihn stumm.

Nicht so cool ist, dass eben diese Communities sich immer mehr abkanzeln. In Zeiten, wo „Influencing“ ja (noch) der heiße Scheiß oder das begehrte Ziel für viele ist, dreht sich vieles um einzelne Personen, um einzelne Verlage usw. Ist erst mal nicht so schlimm. Zumindest letzteres kann ich gut nachvollziehen. Und hey, auch wir haben einen Discord, auch wenn der zugegenermaßen nicht allzu viel bietet und ziemlich brach liegt. Entstanden ist der einfach in einer Zeit, in der wir stetig Oneshots angeboten haben, Mitspielende gesucht haben und den Austausch vereinfachen wollten, nachdem es via Youtube eben keine Privatnachrichten mehr gab. Und nun ist er halt da, wir schreiben oder verlinken manchmal was, freuen uns, wenn wer anderes ein Lebenszeichen von sich gibt, aber es ist keine lebendige Community.

Um Kontakt zu halten, zu finden, Runden, Mitspielende, Themen, News … tingelt man also Tag für Tag, Woche für Woche durch nur wenige Anlaufstellen und zugleich durch etliche verschiedene Discords. Und wenn man halbwegs aktiv mitliest, stellt man fest: Irgendwie sind es weitgehend sowieso dieselben Nasen, die irgendwo sitzen, nur manchmal mit anderem Nickname dank servereigenem Profil.

Warum mich WE20 direkt angesprochen hat

Das sind so das Mindset und die Annahmen, mit denen ich also auf den WE20-Discord geschlittert bin. Und ich wurde überrascht.

Der Discord ist aktiv, belebt, es gibt täglich neue Beiträge, aber nichts davon kommt mir wie Spam vor. Selbst die WE20-eigenen Beiträge (gesammelte Links zu den neuesten Blogartikeln, Runden und so weiter, siehe weiter unten) sind erst kürzlich gebündelt worden, um nicht zu viel in verschiedenen Kanälen zu spammen. Neben fehlendem Spam auch kein Smalltalk-Bullshit, in dem belanglose Memes aufeinander folgen am laufenden Meter, und auch das nervige Guten Morgen! von drölfzig Mitgliedern, das ich ebenfalls nicht als nett und irgendwie kuschelig empfinde, sondern als lästig, fehlt dort. Focus is king. Geil.

Die nächste Überraschung: Ja, die meisten Runden laufen über den Discord da. Meist Voice only, manchmal teilweise oder durch alle mit Video, manchmal nur Ton, aber VTT-Unterstützung, die gestreamt wird. Aber es lässt sich schon erahnen: WE20 läuft nach dem Prinzip, dass du es einfach machen kannst, wie du möchtest.

Ich kann eine Runde ausschreiben oder an einer teilnehmen, die eben so läuft. Die Runde läuft vielleicht aber auch live irgendwo, ob Twitch, Youtube oder sonstwo. Ja, vielleicht wird sie aufgezeichnet oder ist live. Vielleicht gibt es Zuhörende. Vielleicht – und das finde ich mit am bemerkenswertesten – läuft die Runde aber sogar auf einem komplett anderen Discord-Server. Gut, wenn man da erst beitreten muss, mag das nervig sein. Aber alle anderen Aspekte können ja ebenfalls Ausschlusskriterien sein. Es ist schlicht so: DU hast die WAHL!

Suchmaske von WE20 mit den einzelnen Kriterien wie wählbare Wochentage, Uhrzeiten, Altersbeschränkung usw.
Maske für die Gruppensuche auf WE20.de

Hier mal ein Einblick in die Suchmaske, mit der man nach Runden schauen kann, die aktuell ausgeschrieben sind. Wie man sieht, kann man nach Wochentag, Uhrzeit, Rundentyp (Oneshot, Multishot,  Kampagne, Pool-Kampagne) und sogar nach Online- und Tischrunden unterteilen, ebenso nach Altersbeschränkung und bestimmten Spielsystemen.

Webseitenbetreiber Paul und Teammitglied Uwe aka CSI Arkham (Fluffcrunch) waren im Dezember zu Gast im Podcast des Würfelhelden und erwähnten als Beispiel, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt 19 Runden ausgeschrieben wären. Zu dem Zeitpunkt, zu dem ich gerade schaue, sind es über 60. Gut, das liegt auch an einem angekündigten Event mit entsprechenden Rundenangeboten, aber man sieht: Das Angebot wächst.

Wie man Runden anbietet

Ist man angemeldet als User, kann man ganz simpel eigene Runden ausschreiben. Hierbei sieht die Maske etwas anders aus. Man kann einen Termin festlegen oder einfach nur erst mal die Runde ausschreiben und schauen, wer sich so meldet. Man kann die voraussichtliche Dauer des Ganzen eintragen und neben einer Kurzbeschreibung auch einen Link zum Server, auf dem gespielt wird. Man kann angeben, ob es eine Altersbeschränkung gibt, Charaktere gestellt werden, die Runde einsteigergeeignet ist, aufgezeichnet werden soll, ob es ein öffentlicher Termin ist (zum Beispiel auch Convention), ob man eine Kamera bei Mitspielenden erwartet, das Zuhören erlaubt ist für nicht aktiv Mitspielende und so weiter. Hammer, oder?

Der WE20-Herold

Man kann sich auch einfach für den Herold eintragen, Wochentage, Zeiten etc., vor allem aber Systeme angeben, und wann immer Termine eingetragen werden, die mit dem eigenen Gesuch (ähnlich Spielerdatenbank) matchen, wird man benachrichtigt. Man muss also nicht ständig selbst aktiv suchen. Finde ich sehr komfortabel.

Spielrunden-Verwaltung

Runden, die man anbietet und auch solche, zu denen man sich über die Seite angemeldet hat, werden sowohl per Mail bestätigt als auch auf der Seite für einen persönlich gelistet, sodass man aktuell anstehende Termine im Blick behält und immer mal wieder auch in die Ausschreibung linsen kann, wenn man denn möchte.

Want to play?

Ein wirklich nettes Gimmick (das langfristig ebenfalls Potenzial für mehr hat) ist WE20-Want to play. Man kann in der Liste aller Spiele anklicken, welche davon man selbst gern einmal spielen wollen würde. Diese Klicks werden 45 Tage lang gespeichert und geben dann eine Liste aus mit allen gewünschten Spielen und deren aktueller Top 10.

Balkendiagramm mit 10 unbeschrifteten Balken

Derzeit wird das System noch nicht ganz so umfassend genutzt (im Schnitt ca. 40 User mit abgegebenen Stimmen), aber man stelle sich mal vor, wenn vielleicht Hundert(e) Leute dort alle 4-6 Wochen ihre Angaben machen. Dann bekäme man tatsächlich mal realistisches Feedback, welche Spiele wirklich gerade gehyped/gewünscht werden. Klar, kann man über Forenumfragen auch hinkriegen, aber die laufen ja meist nur sehr begrenzte Zeit und die mitzunehmenden Eindrücke stammen dann eben aus genau so einem Zeitraum.

Systemvielfalt

Aktuell sind fast 150 Spiele bei WE20 gelistet. Und die Liste ist natürlich nicht endgültig, sondern wird stetig erweitert (wenn jemand nachfragt, etwas Bestimmtes anbieten möchte und so weiter). Was mich persönlich bei dieser Liste begeistert ist, dass sie über eine schlichte Auflistung weit hinaus geht. Klickt man die Kachel eines Spiels in der Übersicht an, öffnet sich eine Seite, die einem gleich weitere Infos mitgibt: Von welchem Verlag ist das Spiel (deutsch/englisch)? Was für ein Spiel ist das eigentlich? Was sind die Besonderheiten? Für wen eignet es sich besonders (und für wen vielleicht eher nicht)?

Angefügt sind auch ein paar ausgewählte Reviews, Tutorials, Regelvideos und eine Liste der zur Verfügung stehenden Publikationen zum Spiel. Eine Dropdown-Liste, bei der man nach Titel, Typ, Seitenzahl, Erscheinungsjahr und Sprache sortieren kann.

Seiteneigene Infos gibts an dieser Stelle auch. Wie oft wurde das Spiel bislang auf WE20 gespielt? Wie viele Leute (und welche) haben angegeben, dass sie dieses Spiel spielleiten? Welche Runden sind derzeit für dieses Spiel ausgeschrieben?

Zugegeben, die Infos finden sich so nicht alle umfassend für alle Spiele. So viel Inhalt will halt erst einmal befüllt werden, und das dauert eben.

Systempatenschaften

Um das Befüllen der vorbeschriebenen Seiten voran zu treiben, kann man sich bei WE20 als Systempate oder Systempatin melden. Das bedeutet, dass Infos unterschiedlich zur Verfügung stehen, also in unterschiedlichem Umfang, durchaus auch von eigener Meinung geprägt und so weiter. Es bedeutet aber auch, dass Leute Bock haben, sich für bestimmte Systeme und deren Pflege auf der Seite einzubringen. Und das allein finde ich schon cool.

Aktuell gibt es knapp ein Dutzend Leute, die Spielseiten betreuen. Die einen ein einzelnes Spiel, manche mehrere. Und es kommt eben soviel Neues dazu, wie private Zeit dazu gegeben ist. Kann manchmal also dauern. 🙂

Aber auch das finde ich super. Man „kriegt“ nix dafür, sondern macht es auf freiwilliger Basis, wenn man möchte. Aber es steht auch niemand mit der Peitsche hinter einem und treibt einen an, wann und wie denn nun wo und wie viel zu stehen hat. Ist nicht genau dieser entspannte Umgang etwas, das eine gute Community ausmacht?

Ihr seht ja schon, wie begeistert ich bin. Und klar, ich hab mich da trotz enger Zeitfenster natürlich ebenfalls bereits freiwillig gemeldet. 😁

Communitypflege

Damit meine ich an dieser Stelle nicht die WE20-eigene Community, sondern die Rollenspielcommunity an sich. Die Seite bietet einen eigenen Navigationspunkt Communities. Dahinter verbergen sich weitere Sammlungen, nämlich Rollenspielvereine (mit Map), anstehende Conventions und eine Liste deutschsprachiger Discordserver rund ums Hobby.

Leider (noch) nicht unter diesem Punkt, aber über die Startseite erreichbar ist eine Blog-Watch. Und WE20 führt auch einen eigenen Blog, allerdings mit bislang nur wenigen Artikeln.

Wie bei allem anderen gilt, dass das Ganze offen gestaltet ist. Man kann einfach Blogs, Vereine, Conventions usw. eintragen. Diese werden, soweit ich weiß, nicht ad hoc freigegeben, sondern adminseitig, aber das finde ich angesichts von Spam und Co. auch besser so.

Umgangston

Zentral bei Communities finde ich den Umgangston. Und leider gibt es für mich viele, die mich abschrecken, vergraulen oder zumindest von aktiver Teilnahme schnell Abstand nehmen lassen. Das ist bei WE20 aktuell nicht so. Geschrieben wird ohnehin im Discord eher wenig, wenn man es jetzt auf den allgemeinen rollenspielerischen Austausch bezieht. Aber auch da finde ich wieder, dass das eher Ruhe reinbringt.

Der Austausch findet vor allem im Lagerfeuer, dem Talkchannel des Discords, statt. Hier ist fast immer jemand vor Ort oder es kommt zeitnah jemand dazu, wenn man sich selbst in den Channel hockt. Egal, ob man nur ein paar Minuten dort verbringt oder Stunden, es ist durchaus angenehm. Dabei kann es sein, dass gemeinsam geschwiegen wird, während man sich eigentlich mit anderen Dingen befasst, zum Beispiel Abenteuer vorbereiten. Es kann auch eine angeregte Unterhaltung sein, wobei die bislang nie in eine fanatische oder allzu klugscheißende Richtung abdriftet. Vorangestellt ist immer, wie man selbst etwas erlebt und wahrnimmt, und bislang kann ich sagen, war der Umgang mit allerlei freundlich, wertungsfrei, interessiert und lösungsorientiert. Perfekt. Aber es muss auch nicht immer für alles eine Lösung geben. Manchmal geht es einfach darum, Eindrücke oder Ideen zu teilen. Und auch, wenn darunter Aussagen sind, dass einem Spiel XYZ nicht gefällt, dann ist das valide. Und das ist nicht so selbstverständlich, wie man meinen sollte. Ich hoffe sehr, dass das so bleiben wird.

Nix Negatives?

Bislang gibts aus meiner Sicht tatsächlich nichts Negatives. Ich mag diese sortierte Fülle und ich sehe in dem Projekt enormes Potenzial. Es gilt natürlich, was immer gilt, nämlich dass sich das alles auch verändern oder kippen kann. Zum aktuellen Zeitpunkt sehe ich diese Gefahr allerdings nicht. Alle Betreiber machen einen entspannten und aufgeräumten Eindruck, was schon mal eine wichtige Grundvoraussetzung ist. Die Seite ist SEO-mäßig richtig gut aufgestellt, gleichzeitig wird man aber auch nicht mit Werbung für WE20 überall zugedonnert. Das führt dazu, dass neue Leute zwar stetig dazu kommen, aber der Zustrom hält sich auch da bislang in Grenzen. Das führt ebenfalls zu etwas mehr Ruhe und dazu, dass sich neue Leute in Ruhe zurechtfinden und Anschluss bekommen können.

Apropos Werbung: In der FAQ zum Projekt findet sich folgender Text:

WE20 ist wird zur Zeit nicht bezuschusst, erhält keine Einnahmen von Verlagen, von Onlinewerbung, wir akzeptieren keine Spenden und sind sonst niemandem was schuldig. Die nötigen Ausgaben werden komplett von uns selbst getragen.

Ist zwar doof, dafür geht uns aber niemand mit Ansprüchen auf die Nerven und wir können unser Projekt so ausgestalten wie wir es für richtig halten.

Und auch das finde ich echt richtig gut!

Gleichzeitig geht es zur Abwechslung mal nicht darum, sich selbst beziehungsweise das Projekt besonders hervorzuheben und sich selbst zu bauchpinseln, sondern darum, eine kooperative Anlaufstelle zu bieten. Aus Bock. Weil man es kann. Und weil es das braucht. Letzteres glaube ich zumindest, denn für mich schließt WE20 eine Lücke und ich hoffe echt – für das Projekt und mich selbst auch -, dass sich das weiter so entwickelt.