Retro IV: “Das ist nix für Mädchen!”

Halten wir fest: 1984 wurde ich mit DSA angefixt. 1985 besaß ich endlich selbst den ersten Kasten und begann zu sammeln und zu lesen. Noch im selben Jahr beschloss ich, nie wieder DSA zu spielen. Ein paar Monate später, mittlerweile in der 3. Klasse, begannen meine Rekrutierungsversuche für eine DSA-Runde – die bis 1987 erfolglos blieben.

Um genau zu sein, blieben meine Versuche noch viel länger erfolglos. 1987 folgte der Schulwechsel hin zum Gymnasium. Mädchenschule. Konfessionell orientiert, (teils) Ordensschwestern als Lehrerinnen. Das war nicht so ganz die passende Umgebung für aventurische Scharmützel und Magie, um es mal vorsichtig zu formulieren.

1992 erst entdeckte ich etwas, was mein Leben verändern könnte: An der hiesigen VHS gab es Rollenspieltreffen. Kostenlos! Man konnte einfach hingehen und spielen! Ich war mittlerweile ja schon 15 geworden, also so alt, wie damals die im Haus wohnenden Zwillinge waren, als sie mit DSA anfingen. Nun war ich also selbst eine von den “Großen”, und so packte ich eines Tages meinen Rucksack … und noch eine Tasche, weil nicht alles in den Rucksack wollte, und begab mich, mein gesamtes DSA-Zeug schleppend, zur VHS.

Tatsächlich befanden sich dort bestimmt 15 Jungs, die sich tatsächlich zum Rollenspielen getroffen hat.

Hürde 1: Es waren NUR Jungs da.

Hürde 2: Die meisten kannten sich untereinander bereits.

Hürde 3: “DSA? Wer spielt denn noch DSA!?”
Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Was sollte man denn sonst spielen? Gab es etwas anderes als DSA?
Ja, gab es. Und ich hatte keine Ahnung gehabt. Es gab sogar einen Rollenspielladen in der Stadt, genau genommen sogar zwei. Es gab ein Rollenspiel abseits von Aventurien … ich war baff!

Hürde 4: “Das ist nix für Mädchen!”
Eine Gruppe spielte auffallend konzentriert und ernsthaft an einem der Tische, derweil die meisten anderen einfach quatschten, fachsimpelten, durch Bücher blätterten oder gar ein Brettspiel hervor kramten. Ich lauschte dem Spiel, mit dem sie gerade erst anfingen und erkannte nach wenigen Sätzen, dass das da sehr, sehr wenig mit Aventurien zu tun hatte. Elfen, Zwerge, Orks? Ja, die gab es, die wurden da gerade als Charaktere abschließend diskutiert. Aber es gab da moderne Waffen und allerhand anderes krudes Zeug.

Ich fasste all meinen Mut zusammen. Mein Herz schlug bis zum Hals, weil ich mir eh schon blöde vorkam und hier ja niemanden kannte, aber ich musste da jetzt meine Chance ergreifen. Also fragte ich, ob ich mitspielen dürfe? Die Antwort kennt ihr ja: “Das ist nix für Mädchen!” Ich war ein weiteres Mal baff. Bis heute weiß ich nicht, ob das als Scherz gemeint war oder nicht, jedenfalls ignorierte man mich einfach und war geschlossen nicht bereit, mir was zu erklären oder mich gar mitspielen zu lassen.

Schließlich ging ich zurück zu meinem Rucksack und meiner Tasche. Ich überprüfte, ob alles noch da war, schnürte den Rucksack zu und machte mich daran, nach Hause zu gehen. Ich hatte mir vorher sogar die Mühe gemacht, ein Abenteuer vorzubereiten, war aufgeregt und hatte mich auf die Chance gefreut, endlich mal mit anderen spielen zu können, nach ganzen 7 Jahren, in denen ich nur zum DSA-Nerd geworden war, ohne mit anderen spielen zu können. Ich hatte mich geirrt. Hier waren nur Leute, die keinen Bock auf neue Leute hatten und vor allem: nicht auf Mädchen. 🙁

Ich war schon im Gang, als hinter mir jemand “He!” rief und ich mich noch mal umdrehte. Es war einer von beiden, die überhaupt mit mir ein Wort gewechselt hatten, nämlich derjenige, der befand, heutzutage spiele doch niemand mehr DSA. “Wie ist das? Hast du echt NUR DSA in deinen Taschen da?” Okay, der wollte sich also auch nur wieder über mich lustig machen … nach einem “Ja, ja …” ging ich weiter. Doch er rief mich abermals zurück: “Jetzt warte doch mal!”

Er wolle da gerade eine neue Runde machen. Also nicht er, sondern sein Kumpel. Der hieße Andreas und sei schon was älter, aber da wäre noch ein Paar dabei und, naja, eben er selbst. Vielleicht wolle ich mir das ja mal angucken? Ich hakte vorsichtig nach und erfuhr, dass es um ein System ging, das so ähnlich sei wie DSA, nur halt viel besser und cooler und so. Es nannte sich AD&D.

Schließlich verließ ich die VHS mit einer Verabredung bei besagtem Andreas (um die 30 damals?) und dem Jungen, an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann. Es gab also doch noch Hoffnung!