Retro XII: Astrogirl?

Irgendwie hatte der Spielleiter ziemlich schnell die Lust daran verloren, mit uns weiter Earthdawn spielen. Das hatte nicht nur was mit Knallfröschen zu tun, sondern auch damit, dass wir von 4 Spielern quasi 1,5 ziemlich unzuverlässige Mitspieler hatten. Und so trug es sich zu, dass er bald darauf ein weiteres System vorschlug.

Zwischenzeitlich hatte er seinerseits eine weitere Rollenspielrunde aufgetan. Die wollten GURPS Fantasy spielen, aber mit komplett selbst erdachter Welt, entsprechenden Rassenergänzungen und so weiter. Die Beschäftigung mit dem zu entwerfendem Kartenmaterial, aber auch der Kontakt zu GURPS erinnerten ihn dann an sein eigentliches Lieblingssystem, das er unheimlich gern mal wieder spielen wollte: Traveller.

SciFi? Das war ja mal ganz neu, also wollte ich gern dabei sein, immerhin war ich ja durchaus auch Fan von Futurama und mochte Star Trek ganz gerne … auch wenn mich aus dem Fandom anderes noch viel mehr interessierte. Die Initiatorin der GURPS-Fantasy-Runde hatte auch Interesse, und dann … dann passierten ganz ulkige Sachen …

Ein weiterer Mitspieler aus der Fantasyrunde meldete Interesse an, mein bester Freund (der Moor-SL) hatte wenig Interesse, dafür umso mehr sein Freund. Der Altersdurchschnitt lag mit diesen Teilnehmern damals so etwa bei 30 Jahren und ich war mit mittlerweile 23 Jahren die jüngste Mitspielerin.

Als ich meinen Eltern mal wieder vom Rollenspiel erzählte, kam es, wie es so oft kam. Meine Mutter gab ein eher desinteressiertes Acknowledgement in Richtung „Hmmm, aha“ ab, mein Vater war da weniger wortkarg. Er hatte doch neulich erst diese Sendung gesehen, Rollenspiele, Suchtgefahr und so, wären ja auch immer irgendwie komische Vögel … ja, gut, ich jetzt nicht, die meisten Leute, mit denen ich so spiele, natürlich auch nicht, aber so insgesamt, und erst in dieser Fernsehsendung! Ich reagierte gereizt wie immer und wir waren wie schon so oft kurz vor einem schicken kleinen Disput, als ich irgendwas in den Raum warf ich der Richtung: „Und ich spiel jetzt in NOCH einer neuen Runde. So!“ Ein paar weitere Sätze in Richtung familiärer Eskalation und mein Hinweis darauf, dass ich jetzt noch viel schräger drauf käme, denn statt Elfen, Zwergen und Orks mache ich zukünftig in Raumschiffen. Ha!

Und das war der Moment, der die totale Deeskalation hervor rief. War überhaupt nicht meine Absicht gewesen, und aus meinem „Ha!“ wurde ein „Hä?“.
Mein Vater änderte sich spontan um 180 Grad und fragte nach, was das denn für ein Spiel sei, was man da spiele, und wie da so Geschichten aussähen. Ich antwortete, wenn auch irritiert, so gut ich konnte (und soviel Plan hatte ich ja selbst nicht), und das Ende des Liedes war, dass mein Vater meinte: „Da mach ich mit!“

Ich hatte keine Ahnung, was ich davon nun halten sollte, aber mit elterlicher Erziehung hatte ich zu dem Zeitpunkt ja schon einige Erfahrungen. So hatte es mich mit 14 immer in eine bestimmte „richtige“ Disco gezogen. Nicht so eine Kinder-/Jugenddisco, sondern eine wirklich echte Discothek. Wenn ich um Mitternacht zu Hause wäre, hatte ich dazu auch erst mal das Okay (und nie wäre ich nach Mitternacht gekommen … ich kenne schließlich die Geschichte von Aschenputtel!). Das lag allerdings daran, dass meine Mutter meinem Vater nur was von Disco erzählt hatte, denn mein Vater war damals montagebedingt nur an den Wochenenden, oft nur jedes zweite, zu Hause. Als mein Vater dann mal zu Hause war, als ich mich gerade auf die Socken machen wollte, gab es ziemliches Theater. Was das für ein Aufzug wäre, was die da für Musik spielen und überhaupt, was das denn bitte noch mal genau für eine Disco sei? Nachdem ich den Namen genannt hatte, bekam ich spontanes Discoverbot. Woa, hab ich getobt! Drogenhöhle! Da würde doch gekifft! Und überhaupt! Mein Vater hatte von der Disco gehört und war, wie gesagt, not amused.

Recht zeitnah heulte ich mich bei meiner Oma aus über all die Ungerechtigkeit in dieser Welt, und die fand das Ganze ziemlich amüsant. Und sie war es auch, die mich darüber informierte, dass es diese Disco schon seit Jahrzehnten gäbe – und damals die Stammdisco meines Vaters gewesen war. What!?
So konnte ich also frohlockend wieder nach Hause gehen und meinem Vater mitteilen, dass ich ja nicht wisse, was er damals so für Musik gehört habe oder ob er mal gekifft habe oder wie auch immer, aber dass ich jetzt wisse, dass das mal „seine“ Disco gewesen wäre und gar nicht einsehe, mir die deshalb jetzt verbieten zu lassen. Ich schlug ihm einen Deal vor damals und sagte: „Eltern, ihr kommt mal einen Abend mit. Wird da gekifft, bestätigt sich, was Papa so meint, dann gilt das Verbot. Stimmt, was ich sage, darf ich wieder hin!“ Leider hab ich viele Jahre nicht wirklich umgesetzt, wie cool meine Eltern im Grunde manchmal so drauf waren, denn auf diesen Deal haben sie sich tatsächlich eingelassen – und natürlich hatte ich gewonnen. 😀

Genug des Exkurses. Jetzt wollte mein Vater also beim Rollenspiel einsteigen. Das war ziemlich verrückt, aber … ach, warum eigentlich nicht? Vielleicht kapierte er dann mal, dass das ein tolles Hobby war? Ich sprach mit den anderen, die allesamt verwundert waren, das Ganze zwar strange, aber irgendwie auch spannend fanden, und so bastelte mein Vater mit 50 Jahren seinen ersten Charakter: Atlan Tifflor. Hey, bevor ihr ihn wegen des Namens disst … der Name meines Charakters (Ginny Natascha Taronga) war ja auch ein bisschen … inspiriert (und noch dazu hab ich den Namen fast genauso für die NEO-SciFi-Runde vor 1,5 Jahren aufgewärmt, lalala).

Wir starteten von der Erde mit unterschiedlichen Motivationen und Berufen auf dem Flaggschiff Houltplanckwell … und es brauchte nur ein bisschen Einstiegsplot und so etwa 2-3 Sessions, bis der Charakter meines Vaters als alter Veteran zu unserem „Captain“ geworden war. Sachen gibt’s …

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