Retro XI: Knallfrösche

Wir ließen das Moor des Grauens hinter uns und spielten weiter brav DSA, wie wir es bislang auch getan hatten. Okay, wir spielten nicht mehr ganz SO oft (also “nur noch” alle 7-10 Tage) und es blieben Spannungen zwischen dem Krieger-Spieler und dem Meuchler-Spieler, aber jeder gab sich Mühe, und individuelle AP gab es natürlich auch nicht mehr.

Recht kurz darauf lernte ich über die KOOP-Datenbank jemanden kennen, der nach einer Runde suchte. Nun war ich nicht ganz so begeistert von der Idee, in dieses fragile Element einer DSA-Runde, wie ich sie hatte, noch jemanden einzubringen, der womöglich weiteres Öl ins Feuer gießen würde. Aber auf DSA hatte er sowieso keine rechte Lust; vielmehr erzählte er begeistert von einem Rollenspiel, von dem ich noch nie gehört hatte. Mit seinem begeisterten Reden schlug er mich genug in den Bann, dass ich meine DSA-Runde zusammen trommelte und einen Termin zustande brachte, an dem wir alle uns das Ganze mal “live” ansehen wollten. Mit dabei: Die komplette DSA-Runde (also vier Leute) und ein Freund des jungen Mannes, der da für uns leiten wollte.

Zunächst einmal passierte, was ewigen DSA-Fans und leidenschaftlichen Spielern dieses Systems ganz gerne mal passiert: Das neue Spiel war erst mal doof. Selbst ich, die nun wirklich neugierig auf ein neues Spiel war (wenn auch mit leichtem Magengrummeln wegen der früheren AD&D-Erfahrung), fand das Ganze unübersichtlich. Und wieder brauchte man zig Würfel, vom 4er bis zum 20er. Ätzend.

Aber vor der Charaktererschaffung erzählte J. uns erst einmal etwas von Welt und System. Er berichtete von einer Welt, die immer magisch war, magisch ist, immer magisch sein wird. Er berichtete von einem steigenden und fallenden Magieniveau im Verlauf der Jahrtausende. Er berichtete von Dämonen, von Horrors, die vor Hunderten von Jahren beim letzten Höchststand der Magie in diese Welt einfielen und alles vernichteten, was ihnen begegnete. Er berichtete vom Leid während der Plage, von der Flucht aller Wesen in Höhlen, ins Unterirdische, woraus im Verlauf der Zeit ganze Städte erwuchsen.

Dann erzählte er von uns, von den möglichen Charakteren. Er berichtete von den uns bekannten Menschen, Zwergen, Orks und Trollen – jawohl, alle spielbar! -, und er erzählte von steinernen Obsidianern, von echsenhaften T’Skrang, von kleinen geflügelten Windlingen. Er berichtete, dass egal, was wir spielen würden, wir magisch wären, Adepten, etwas Besonderes, dass es unsere Aufgabe sei, diese Welt da draußen, die noch immer gefährlich war und die noch immer kaum jemand kannte, zu erkunden. Wir würden Neues entdecken, würden längst Vergessenes finden, würden Geschichten erzählen, Legenden bewahren und selbst zu welchen werden.

Klingt all das nicht herrlich episch?

Fanden wir auch, und vergessen war all unser Unmut über diese “komische” Charaktererschaffung und die Vielzahl der Würfel, als wir uns daran machten, unsere Figuren zu erschaffen. Und ohne je zuvor von dem System gehört zu haben, ohne je mit jemandem gespielt zu haben, der es kannte … tappten wir volle Möhre in die Klischeefalle.

Die Runde hatte gleich zwei Windlinge, einen Illusionisten und eine Troubadoura. Der Illusionist wurde vom DSA-Krieger-Spieler gespielt, die Troubadoura von mir. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis der Rest schon völlig genervt von der quirligen Hektik waren, die wir am Tisch mitsamt dazu gehöriger Unruhe verbreiteten.

Es sollte ein kleines Fest im Kaer stattfinden und zwar eines, bei dem man uns alle als nun erwachsen erklären wollte, um uns dann in die große weite Welt zu senden, bejubelt und gefeiert von den Einwohnern. Doch vorher, vorher stellte ich diese verhängnisvolle Frage:

“Gibt es in dieser Welt eigentlich sowas wie Knallfrösche?”

Und darauf erhielt ich diese ebenso verhängnisvolle Antwort:

“Ja, man kann zumindest welche herstellen.”

Und so machte ich mich also nicht in die große weite Welt auf, sondern band alle anderen ein, alles Benötigte im Kaer ausfindig zu machen und “auszuleihen”. Etliche Knallfrösche wurden gebastelt, und im Nu knallte und zischte es überall in diesem unterirdischen Dorf, verursachte Krach und fallende Lampions, versetzte die Einwohner in Angst und Schrecken.

Statt bejubelt zu werden und mit einer großen Aufgabe betraut, schickte man uns schließlich mit Schimpf und Schande weg, als die Übeltäter klar wurden. Verbannt wurden wir, ein Jahr und einen Tag lang, und so schlichen wir schließlich ganz schön unepisch an die Oberfläche …

J. war ganz schön sauer, ich ganz ordentlich betreten, der Rest vor allem verwirrt. Ich hab auch heute noch ein schlechtes Gewissen, die erste Earthdawn-Runde überhaupt so torpediert zu haben, aber andererseits … diese Story liegt nun so viele Jahre zurück, aber ich kann mich immer noch recht genau an Szenen aus dieser Session erinnern und die eine oder andere zaubert noch immer ein Lächeln auf mein Gesicht … sorry, J.

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