Retro VII: In Nerdtown sind Partys verboten

Ob es nun ein Rollenspiel gab, drei oder Tausend, das alles änderte auch nichts daran, dass ich keine Mitspieler fand.

Was an der Pinnwand des besagten Rollenspielladens so gesucht wurde, verstand ich nicht, kannte ich nicht, oder ich traute mich nicht, mich irgendwo zu melden oder gar mal einen eigenen Zettel aufzuhängen. Und als ich endlich bereit war, war die Welt es quasi nicht mehr: Der Laden schloss seine Pforten und ich stand da, wo ich zuvor auch schon stand.

Es ist durchaus so, dass ich immer schon eine Stubenhockerin war. Und auch gut so, denn sonst hätte ich ja nie so viel DSA-Kram gelesen und verbissen daran festgehalten. Mein Stubenhockerdasein war aber, nun ja, differenziert. Ich hockte viel zu Hause, las sehr viel, aber das verschloss mich nicht vor meinem Umfeld. Das wiederum führte dazu, dass ich in der Schule (die ich wegen zwischenzeitlicher Umzüge einige Male wechselte bis zur 8. Klasse) recht beliebt war, wenn auch in einer etwas schrägen Form. Ich war zwar unverschämt gut in der Schule (was sich mangels Unterrichtsteilnahme allerdings in der Oberstufe etwas änderte *hüstel*) bei zugleich ziemlich geringem Aufwand. Das verschaffte mir Zeit. Zeit zum Lesen von Büchern (und immer wieder DSA-Kram), aber durchaus auch Zeit für die Pflege von Freundschaften und ab der neunten Klasse für die Teilnahme an Partys. Es gab eine Art “Partyzeit” mit Feten, die regelmäßig (quasi wöchentlich) in einem bestimmten Schrebergarten abgehalten wurde mit einem bestimmten Kreis von Leuten und einem Eigenanteil zur Kostendeckung, und dann gab es schließlich auch noch Discotheken, die ihre Pforten für uns, damals 15/16 Jahre alt, öffneten. Schon 1994, damals bereits 17, war ich schwer beschäftigt. Donnerstags und oft auch freitags ging es in die Disco, derweil samstags Gartenparty angesagt war. Eine, wenn ich das mal erwähnen darf, ziemlich coole Zeit.

Irgendwann erwähnte jemand die komischen Hobbys der komischen Leute. So sollte es aus der kombinierten Streber-/Nerd-Ecke (merke: Es gab Streber, die als durchaus nett galten, aber die kombinierte Streber-/Nerd-Ecke … also, nee, da ging nix mehr) einige geben, die sich mittlerweile auch in einem Schrebergarten, allerdings in einer ganz anderen Kleingartenanlage trafen. Und deren Partys bestünden darin, sich am Tisch zu versammeln und Geschichten zu erzählen wie die Kiddies. Hahaha, diese Spinner! Ich lachte nicht. Ich ahnte, was die da machten – und hakte nach. Ja, ja, es sei so ein Geschichtenspiel, sowas mit einem magischen Auge und Rittern und so, hahaha, voll albern. Und ich lachte erst recht nicht.

Gleich am nächsten Tag sprach ich einen der besagten “Nerds” an, ich habe gehört, sie spielten da was … nicht zufällig “Das Schwarze Auge”? Ich erntete einen mehr als verwunderten Blick, gefolgt von einem abwimmelnden “Jaaaaa”, das mich ein bisschen an mein “Ja” in der VHS erinnerte, als ich dachte, dieser AD&D-Junge wolle mich verschiffschaukeln. Ich erklärte kurzerhand, dieses Spiel zu lieben und unbedingt, also wirklich UNBEDINGT da mitspielen zu wollen. Der darauf folgende Blick enthielt so einiges, vor allem aber Skepsis und nun deutlich auch die Suche nach ihn verarschenden Ansätzen. Die fand er nicht, denn ich meinte das natürlich bierernst. Es folgte sowas wie “Du? DSA?” und ich blieb dabei, schob gleich ein bisschen “Fachwissen” ein, um klar zu machen: Ja, verdammt, ich kenne das wirklich und ich will WIRKLICH mitspielen!

Die Tatsache, dass mich der Termin nicht schreckte und ich ernsthaft bereit war, Party und/oder Disco für einen Rollenspielabend sausen zu lassen, sorgte allerdings nicht dafür, dass man mich ernst nahm, sondern im Gegenteil dafür, dass er noch mehr der Ansicht war, ich wolle ihn nur veräppeln. *seufz*

Schließlich sorgte meine Hartnäckigkeit für die Zusage, der Nerd-Rat (natürlich nannte ich ihn so, sie sich selbst nicht) würde darüber beraten, ob ich wohl mitspielen dürfe. Immerhin. Nach dem Gespräch wähnte ich meine Chancen nicht allzu hoch. Es war mir trotz allem nicht gelungen klar zu machen, dass Partys und Rollenspiele sich nicht widersprechen mussten, dass ich ernsthaft beabsichtigte, auf die gängige Cliquenbildung und alles, was man so von den Schülergrüppchen her kennt, keinen Pfifferling zu geben. Himmel, ich wollte nicht konvertieren, ich wollte spielen!

Es dauerte etwa zwei Wochen, bis der Nerdrat beschloss, ich dürfe probehalber mitspielen. Und da ich das Spiel ja kenne, könne ich ja sicherlich einen Charakter mitbringen. Und ob ich das konnte!

Und so führte mein Weg mich eines Abends in einen anderen Schrebergarten als sonst, im Gepäck eine Kriegerin namens Saramis. Sie saßen da und schauten mich noch immer argwöhnisch an; erst jetzt erfuhr ich, wer alles zum Kreis der “Erlauchten” gehörte. Da waren drei klassische Nerds meines Jahrgangs vertreten, ein ebensolcher aus dem Jahrgang unter uns, und dann noch ein Bekannter von einem Bekannten oder so – ein total ätzender Typ.

An diesem Abend hielt ich mich nicht zurück wie damals bei der AD&D-Runde, sondern spielte, wo immer ich eine Chance zum Spielen sah und machte klar: Leute, ich kenne das Spiel wirklich, und ich kann auch die Regeln, hier, guckt! Das einzige, was mir bei der sozialen Orientierung nicht gerade half, das war der pseudocoole Ätztyp, mit dem ich schon am ersten Abend halbwegs aneinander geriet. Er und ich waren weniger mit Rollenspielen beschäftigt als vielmehr damit, einander OT-Ätzspitzen zukommen zu lassen und uns einfach irgendwie abgrundtief unsympathisch zu sein. Aber auch darüber wollte ich wegsehen und hoffte, die anderen würden es auch tun und mich bitte, bitte, bitte in ihren Kreis aufnehmen.

Man beriet sich nach dem Spielabend auch erst noch mal. Ob das so gut wäre, weil ich ja dann ganz generell mehr von ihnen mitbekäme als in der Schule (was ich womöglich als Kanonenfutter nutzen könnte), ob ich wohl dabei bleiben würde, ob ich zuverlässig genug sei, ob ich dazu passte … puh, das war ein hartes Gremium, das da über meine Rollenspielzukunft befand.

Dann, kurz vor dem nächsten Spielabend, die Entscheidung. Und jawoll, ich war dabei! Endlich, endlich “echtes” Rollenspiel, “echtes” DSA – und halt zukünftig eine Party weniger pro Woche. Egal. Wer braucht schon eine Party mehr oder weniger, wenn er nach beinahe 10 Jahren endlich die Gelegenheit zum Rollenspielen bekommt? Ich nicht.

Die ersten Male glaubten “die Nerds” das immer noch nicht so wirklich. Die “Party-People” glaubten es auch nicht. Sie konnten nicht fassen, dass ich nun ernsthaft mit dieser Truppe spielen wollte – und das tatsächlich ernst meinte. Beide Parteien gewöhnten sich allerdings an die neue “Weltordnung”, die einen schneller, die anderen langsamer. Und ich, ich spielte ENDLICH Rollenspiele. Schöne neue Welt. 😉

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