Retro VI: Es gibt mehr als 6-8 Rollenspiele

Gut, DSA kannte ich sowieso, AD&D hatte ich kurz kennen gelernt. Dann gab es noch dieses “Das ist nix für Mädchen!”-Spiel. Was noch?

Neugierig machte ich mich auf den Weg zu einem dieser Rollenspielläden, von denen ich gehört hatte. In der Tasche hatte ich 100 Mark gespartes Taschengeld – für alle Fälle.

Den Laden überhaupt zu betreten, war schon mal eine immense Hürde. Ich fand ihn nämlich erst mal gar nicht. Zwei Male verlief ich mich durch irgendeine Gasse in einen der scheinbar zahllosen Karstadt-Eingänge in besagtes Kaufhaus. Beim ersten Mal dackelte ich noch wacker hindurch in dem Glauben, dass es sich beim genannten “Rollenspielladen” sicherlich doch nur um eine kleine Abteilung irgendwo bei den Spielwaren handelte. Nö, dem war nicht so. Beim zweiten Mal trat ich entsprechend fix den Rückweg an, nachdem ich kapiert hatte, dass es mich wieder ins Kaufhaus verschlagen hatte. Danach betrat ich einen Laden für Holzspielzeug, die keine Ahnung hatten, was ich von ihnen wollte, als ich nach Rollenspielen fragte. Ich hätte ja gedacht, man habe mich veräppelt, aber dieses Rollenspielgeschäft hatte ich in den Gelben Seiten (dieses große, relativ dünne Buch mit Geschäftsadressen und Telefonnummern vor dem Internetzeitalter) gefunden, also musste es das doch geben?

Dann, endlich! Ich hatte eine Treppe mehrfach übersehen, und die Stufen hinunter führten in der Tat in besagten Rollenspielladen. Er existierte – und mein Weltbild änderte sich. Gänzlich. Komplett. Vollständig. Und unwiderruflich.

6-8 Spiele und deren Zusatzmaterial? Vonwegen! Es gab keinen halben Meter Wand zu sehen in diesem doch relativ großen Laden, denn alles, alles war voll mit beinahe deckenhohen Regalen. Zudem gab es etliche “Wühltische”, in denen – ähnlich wie bei den damaligen Schallplattenläden, ja, ja – unzählige Hefte und Bücher zu bestaunen gab. Deutsche Produkte, englische Produkte, ein paar Sachen in noch anderen Sprachen. Es gab Spiele zu Themen, zu denen ich Rollenspiele niemals vermutet hätte. Ach was, ich hatte überhaupt keinen solchen Laden, kein solches Sortiment erwartet. Und sie hatten Würfel in allen möglichen Variationen. Hatte ich bislang den schwarzen W20 für exotisch-cool gehalten, erlebte ich dort in diversen Schalen und Vitrinen mein blaues buntes Wunder.

Mit offenem Mund staunend und ganz offensichtlich fassungs- wie planlos gleichermaßen schlafwandelte ich quasi durch den Laden, in dem ich beileibe nicht die einzige Kundin war. Ungefähr ein Dutzend weiterer Leute stöberten hier und lasen sich Spieler- und Gruppengesuche an der vorhandenen Pinnwand durch.

Schließlich sprach mit der wohl einzige Verkäufer an, ob er mir helfen könne. Ich weiß nicht, warum er mich ansprach, alle anderen im Laden meiner Beobachtung nach hingegen nicht. Vielleicht guckte ich wirklich einfach dermaßen perplex und Hilfe suchend aus der Wäsche, wer weiß.

Ich stotterte, dass ich nach einem bestimmten Spiel suche. Tja, wie beschrieb ich das nun? Was Modernes, was mit Schusswaffen und Computern und etwas, das – äh, naja, also das vor allem Jungs vielleicht gern spielen *hüstel*. Er nickte. Ja, er glaube zu wissen, wonach ich suche. Schnurstracks führte er mich zur zweiten Edition von Shadowrun. Ich erkannte das Cover wieder, und ohne mit der Wimper zu zucken kaufte ich das Grundregelwerk. Nee, nee, das sei nicht für mich. Ein Geschenk, ja, ja, genau …

Zu Hause angekommen brauchte ich noch eine Weile, bis ich meine Eindrücke sortiert hatte. Mit der Sortierung hatte ich zwar auf der Heimfahrt schon angefangen, aber das hatte nicht ausgereicht. Die Welt war voller Spiele. Rollenspiele. Und es gab Spieler. Und Pinnwände. Und überhaupt.

Dann begann ich das neu erstandene Grundregelwerk zu lesen. Nix für Mädchen. Pah, das wollten wir mal sehen! Ich las und las und las … nach drei Tagen hatte ich das Buch durch. Dann begann ich von vorn, allerdings nur hier ein bisschen, dort ein bisschen. Und danach schlug ich das Buch zu und stellte es in mein Regal. Nix für Mädchen? Nö, dem zuzustimmen, das sah ich schlicht gar nicht ein. Aber, nun ja, für mich war das nun wirklich nichts. Schade. Und ärgerlich.

Etliche Jahre später habe ich irgendwem mal das Buch ausgeliehen, das bis dahin noch immer zugeklappt im Regal stand, ohne jemals wieder zum Lesen heraus genommen worden zu sein. Ich hab es nie zurück bekommen. Und vermisst habe ich es auch nicht.

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