RSP-Karneval 09/2016: Mach’s dir selbst!

Wie schon beim Gastartikel mit dem Funkenfieper erwähnt, lautet das Thema für den Karneval der Rollenspielblogs im September Spannung bzw. „Wie dreht man an der Spannungsschraube?“ und wird von Zornhau ausgerichtet.

Dazu kann man verdammt viel schreiben, wie man schon im Startartikel sehen kann, ich bleibe aber hier ganz gemütlich bei einem „Mach’s dir selbst!“ in Bezug auf Horror im Rollenspiel.

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Eine mehrjährige Runde, in der ich wahnsinnig viel gelernt habe – und die ich darum wahrscheinlich auch immer mal wieder ins Feld führe -, war eine Vampire, die Maskerade-Kampagne (Dark Ages). Ich glaube nicht, dass ich je wieder in einer solchen Runde spielen werde, die anfangs viel zu viele Mitspieler hatte, und zwar solche, die so überhaupt gar nicht zusammenpassten von Charakter und Spielvorlieben her. Chaos und Katastrophen en masse.

Ist an dieser Stelle auch (fast) egal, relevanter ist in jedem Fall, dass eine Mitspielerin (vormals nur DSA 4.1 gespielt, in der Runde erstmals was anderes gespielt) mir mal abseits des Spiels sagte:

„Weißt du, ich bin in die Runde gekommen, weil ich neugierig war. Man hatte mir Horror versprochen. Auf den warte ich immer noch. Eigentlich ist das doch genauso wie DSA zu spielen.“

Da war ich erst mal platt.

Nachdem ich mich damals aber vom ersten Schreck erholt hatte, habe ich darüber eine Weile nachgedacht.

Horror = Spannung

Horror ohne Spannung geht einfach nicht. Wenn man sich nicht gruselt, nicht gespannt auf die nächsten Ereignisse wartet oder sich ängstlich fragt, was hinter der nächsten sprichwörtlichen Ecke wartet, ist es kein (klassischer) Horror.

Und auch, wenn oben genannte Situation die erste war, in der ich so eine Aussage gehört habe, so ist mir das im Verlauf der Zeit doch noch einige Male untergekommen.

Rollenspiel ist aber kein Medium der Jump-Scares. Die fiese Musik an den richtigen Stellen kriegt man vielleicht noch hin, aber nicht die Schnitte. Rollenspiel ist Kopfkino.

Klar gibt es ein paar Möglichkeiten, von SL-Seite Horror beziehungsweise Spannung in die Geschichte zu bringen, aber zentral ist meiner Meinung nach der Titel des Artikels:

Mach’s dir selbst!

Wenn man sich in gelangweilter-abwartender Haltung an den Tisch setzt, vielleicht sogar ein bisschen provokativ („Das wollen wir noch sehen, ob DU mich dazu bringen kannst, mich zu gruseln, pah!„), dann wird es mit ziemlicher Sicherheit eines: bocklangweilig. Jedenfalls nicht gruselig, schockend und vermutlich nicht mal spannend, sieht man von der geringfügigen Spannung der „Anti-Haltung“ mal ab.

Abseits des öfter mal genannten Tipps halte ich persönlich es für absolut verwerflich, gezielt irgendwelche Schwachpunkte oder gar Tabus der Spieler anzuspielen und sie zu triggern zu diesem Zweck.

Was dann bleibt, ist man in erster Linie selbst. Wenn man also diesen Aspekt haben will, braucht man ein geeignetes Kopfkino, braucht man irgendeine Verbundenheit mindestens zum eigenen Charakter, am besten zu mehreren SC/NSC, muss man sich irgendwelche Ziele für den Charakter ausdenken, die zu erreichen er/sie unterwegs ist – und wenn es „nur“ das ist, die Session zu überleben.

Mittendrin statt nur dabei

Rollenspiel ist interaktiv. Es lebt davon, dass sich mehrere Leute einbringen, also sowohl SL als auch jede/r einzelne Spieler/in.

Damit liegt für mich die Verantwortung bei Spannung auch bei jedem einzelnen, gerade bei Horrorthemen.

Die SL kann noch so tolle Beschreibungen, Handouts, whatever liefern und zwei Spieler mit aufgerissenen Augen gebannt an den Lippen hängen. Sie können noch so sehr im Geschehen sein und ihre Charaktere entsprechend agieren und sprechen lassen … wenn der dritte dann einen Flachwitz reißt und beim vierten der neue Supersonderklingelton von Beyoncé auf dem Handy losdudelt, dann war es das für den Augenblick.

Klar, die Situation kriegt man wieder hin, das Handy ist irgendwann leise, es ist kein Witz mehr auf Lager … aber der eine Augenblick, der ist dann spannungs-/horrormäßig gesehen kaputt.

Kein Grund, auszuflippen. Das mit dem Handy war vielleicht ein Versehen, und übrigens ist das Witzereißen durchaus auch eine (oft unbewusst) genutzte Option, eine Situation zu durchbrechen und eben Spannung abzubauen.

Man muss Spannung – zumindest im Zusammenhang mit Horror – tatsächlich wollen. Und da alle miteinander am Tisch sitzen, klappt das auch vor allem dann, wenn es entsprechend alle wollen.

Allein nach Hause …

Die Spannung am Horrorelement festzuzurren, hat tatsächlich einen erheblichen Nachteil: Man ist danach allein.

Allein ist man (vielleicht) nach einem Horrorfilm oder einem Horrorbuch auch, aber das ist etwas anderes. Man schlägt ein Buch zu oder schaltet einen Film aus und weiß, dass all die Horrorelemente, bei denen man sich gegruselt hat, „weg“ sind, zwischen den Buchdeckeln, auf der DVD festgebrannt. Man war in der Zwischenzeit einfach „woanders“.

Rollenspiel erlebt man mit realen Leuten, in der direkten realen Umgebung, der Bruch zum Fiktiven ist umgebungsseitig gesehen nicht so hoch wie bei einem „externen“ Medium, gerade weil man sich die spannenden und gruseligen Elemente selbst erschafft und/oder in den eigenen Kopf packt. Das ist einerseits auch einer der Gründe, warum Horror im Spiel oft nicht „klappt“, aber wenn es denn klappt, ist die Distanz nicht so hoch wie bei externen Medien und deren Präsentationen.

Das ist einer der (vielen) Gründe, die „echten“ Horror im Rollenspiel auch so schwierig machen. Man schützt sich nämlich automatisch, denn man will zwar Spannung und in dem Fall Horror/Grusel, aber man will sich ja dennoch wohlfühlen und sich in der Komfortzone (ist schließlich Freizeit) bewegen.

Die (oft gestellte) Frage beim Horror ist eigentlich gar nicht in erster Linie die, wie man ihn erzeugt und diese Spannung aufrecht erhält, sondern eher: Willst du das wirklich?

Gibt es Horror im Rollenspiel eigentlich wirklich?

Ich habe schon viel gelesen zum Thema Horror im Rollenspiel, und meist geht es tatsächlich um die Frage, wie man das anstellt oder um das Ausdrücken der Enttäuschung, dass es eben nicht klappt.

Abseits der rein sachlichen Spannungskniffe (dazu schreibe ich vielleicht im Karneval separat noch mal was) liegt es eben tatsächlich an jedem einzelnen und der dadurch erzeugten Gesamtstimmung, auch wenn man selbst mit 1-2 Leuten am Tisch schon für sich selbst (!) einiges davon umsetzen kann, selbst mit Lachern, Handys und Co.

Genau ein einziges Mal in meinem Leben habe ich in einer Runde gespielt, die sich erfolgreich den Horror auf die Fahne geschrieben hatte. Die Runde hatte sich mit dieser Absicht auch gefunden; es kannte sich kaum wer auch privat. Das ist ewig her, aber es war so spannend, dass ich es kaum aushalten konnte. Auf dem Heimweg im Dunklen habe ich mich öfter mal umgedreht … und gut geschlafen habe ich in der Nacht auch nicht.

Wie gesagt: Das war die einzige Runde, in der dieser Plan jemals voll aufgegangen ist. Das war eine wirklich grandiose Erfahrung!

Und ich habe die Runde danach verlassen, weil mir das „too much“ war.

So kann es gehen. 🙂

Und nein, das war weder eine WoD- noch eine DSA-Runde. Es hätte meiner Meinung nach aber beides ebenso gut wie alles andere sein können.

 

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